13. Juni 2013

Gran Fondo Mailand-Sanremo - mein Rennbericht.

Was ist Kult? Ein in unserer durch Marketingstrategen und RTL 2-Geschädigte sehr überstrapaziertes Wort. "Kultig" - das ist ein Wort, das Ü30-Party-Gänger zu oft benutzen, inflationär, fast schon Garant für genau das Gegenteil: Kommerz und Niveaulosigkeit.

Und doch, machten wir uns davon frei, sollten wir dem Klassiker des Radsportkalenders ein Adjektiv verpassen, dann wäre "kultig" für Mailand-Sanremo sicher eine angebrachte Bezeichnung. "Legendär" ginge auch noch.

Wer nach fast 300 Kilometern in Sanremo angelangt ist, der hat es wirklich geschafft: Mailand-Sanremo bezwungen. Eines der großen Radsport-Monumente. Und nun auch ich.


Allerdings: Bevor ich die Palmen der italienischen Riviera - und später nach Weiterfahrt in unser Hotel - der französischen Cote d´Azur genießen kann, die Brise des makellosen Himmels auf meiner Haut spüren und dem sanften Wellenschlag des Mittelmeeres lauschen werde können, steht ein Rennrad-Klassiker auf dem Programm, der sich gewaschsen hat.

Gran Fondo Milano-Sanremo - die Renndaten

295 Kilometer. Das ist die Distanz, die wir zu überbrücken haben.
Laut Veranstalter stehen Berge und Hügel mit insgesamt 2.200 Höhenmetern im Weg - am Ende wird mir Garmin 1.880 Höhenmeter bescheinigen. Darunter der Turchino-Pass, nach dessen Überquerung man direkt auf die Küste und das (hoffentlich) türkisblaue Meer zuschießt, dann die Wellen entlang der Küstenstraße (Wind, Wind, Wind!) und kurz vor dem Ziel lauern noch Cipressa und Poggio, die legendären Berge.


Als wir uns gegen 6:30 Uhr am Startort des Gran Fondo Mailand-Sanremo einfinden, herrscht schon Hochbetrieb. Es sind 1.400 Startnummern vergeben (nicht viel für so ein Prestige trächtiges Rennen, aber warum hier so wenige mitmachen, wird schon seine Gründe haben ...), knapp 1.100 Starter wird das Feld groß sein.

880 von ihnen werden später in den Finisher-Listen zu finden sein: Eine DNF-Quote von 20 Prozent.

Wer von diesen Jungs und Damen wird durchkommen? Wer wird aufgeben? Wen werden technische Probleme in den Besenwagen spülen? Und wer wird durch Sturz in einer Ambulanz landen?


Viel habe ich gelesen über dieses Rennen. Jahre zurück datierte Berichte und Blogbeiträge gewälzt. Von "Regenschlachten" ist da die Rede, von einem der "schnellsten Rennen des italienischen Kalenders", von einer "Materialschlacht der ambitionierten Cicloamatori", die dieses Rennen unbedingt gewinnen wollen.

Horrorszenarien durchträume ich im Hotel in der Nacht zum Start: Wer aus dem Peloton, das in der Anfangsphase kaum mal unter 45 km/h fahren wird, fällt, für den wird keine Kreuzung und keine Ampel mehr gesichert. Der muss alleine 300 Kilometer in dichtem Verkehr bewältigen.

Von Beschleunigungsarien, von Massencrashs und schlechter Verpflegung. Manchmal mag ich mich nicht, dass ich mich immer so dezidiert vorbereiten muss ...


Kann das sein? Kann das stimmen?

Alles hilft nichts, als wir uns im letzten Viertel des Starterfeldes einreihen, uns klar machen, vorne auf Italienisch der Countdown heruntergebrüllt wird und dann endlich der Startschuss fällt. Nun geht es also los - Mailand-San Remo, der Klassiker, das Kultrennen, auf den Spuren von Erik Zabel und Mario Cipollini.

Und wir mittendrin. Wir, das ist mal wieder Flow (für uns beide wird es ein Langstrecken-Test mit Blick auf das anstehende Race Across the Alps), Ines Hinrichs und Robert Müller, Sportlicher Leiter der RG UNI Hamburg. Wir fahren wieder im Solartrikot der SunClass Solarmodule.


Langsam schieben wir uns zum Start. Das zirpende Piepen der Transpondermatte, die den Leuten die Abnahme ihres Signals bekannt gibt, kommt immer näher. Mein Puls ist auf 180. Vorn ist Flow schon dabei, sich durchzudrängeln, auch Ines und Robert kommen besser durchs Gedränge - ich lasse es mal locker angehen.

07:07 - Start in Mailand

Der Startort ist irgendwo in einem an einer Autobahnausfahrt gelegenen Einkaufszentrum vor dem NH-Hotel. Nicht die Scala, kein Flair oder Charme, dafür kaum Kurven, um aus der Stadt zu kommen. Kaum habe ich die Matten überquert, ziehen sie an. Wir kurven ein wenig, um aus dem Gewerbegebiet zu manövrieren, dann das Ortsausgangsschild, eine breite Straße - das Rennen geht los!


Oben ziehen graue Wolken den Himmel zu - gestern noch 30 Grad und Wüstensonne gehabt - heute eher 14 Grad und Wolken. Sind das etwa Nieseltropfen auf meiner Sonnenbrille?

07:18 Uhr - German Cycling Cup, oder wie?

Die Blogschreiber hatten Recht, gestehe ich mir atemlos ein, schaue auf mein Garmin - dort stehen 47 km/h. Wir ballern durch die Kante, dass mir schon wenige Minuten nach dem Start die Seiten anfangen zu stechen. Alter Verwalter! Ist das hier das Feld der Neuseen-Classics? Die rasen, als hätten wir nur 120 Kilometer vor uns!

Meine Beine wirbeln, ich komme mit dem Hochschalten kaum hinterher, muss hart fahren, meine Position behaupten - hohe Dynamik im Feld - trotz dieser Speed versuchen viele auch weiterhin, Positionen gut zu machen.


Wir sind in einem kompakten Feld, ich schätze, 250 bis 300 Mann stark. Vorn fährt ein Motorrad mit Warnblink, das den Gegenverkehr zum Rechtsfahren auffordert. Das sängende Geräusch hunderter Freiläufe schnarrt hart durch die Getreidefelder, wenn wir es mal rollen lassen - nur, um vor Roundabouts hart zu bremsen.

Dann brüllen sie ihr "Occhio!" herum, hinter mir kracht es - einer fliegt raus - ich versuche, rechts-links heil zu überstehen, geschafft, einem Anderen ausweichen, dann aus dem Sattel, hart reintreten, dranbleiben!

Heiß schon pruste ich Atemluft aus meinen Lungen, sauge den Sauerstoff ein - unfassbar, wie schnell und hart die hier fahren! Oder ist das nur die Anfangsphase?

07:35 Uhr - Gruppenflug

Irgendwann - der Niesel ist in einen leichten Regen übergegangen - sehe ich vorn unser Solartrikot, schließe auf und setze mich neben Robert. "Na ... Rob ...", rufe ich: "Alles klar?"
Er schaut nur kurz rechts, nickt: "Ja ... ganz ... schön ... krass!"
Oh ja, das ist es!


Der Kurs führt uns ziemlich genau nach Süden - Voghera und Novi Ligure sind die ersten größeren Städte auf unserer Reise. Doch genau kann ich darauf nicht achten: Die Straße, auf der wir bolzen, ist oftmals nicht als solche zu bezeichnen. Schlaglöcher und Dehnungsrisse zwingen uns auszuweichen. Schwierig, wenn man mit 45, manchmal über 50 km/h dicht an dicht im Windschattenfeld fährt - viele reagieren zu spät: Ich sehe alle 15 Minuten jemandem am Straßenrand einen Schlauch wechseln.

Öfter auch ereignen sich Stürze: Gerade an den Roundabouts, oft mitten im Verkehr, sprinten einige, als ginge es um den Sieg des Rennens, andere wissen nicht, ob links oder rechts herum, ein kleiner Schlenker, eine Welle - und sie liegen.

08:01 Uhr - Regen!

Bisher sind alle Berichte und Gerüchte, die ich über MSR gehört habe, wahr: Hartes Tempo, großes Gebolze, Unruhe und Stürze, schlechte Straßen und Löcher.

Mit dem Wetter schienen wir Glück gehabt zu haben: Das Bissel Niesel ist zu ertragen, fast alle im Feld fahren kurz/kurz.

Doch dann kommt es anders: Petrus öffnet seine Himmelspforten.


Kaum haben wir den Po überquert, wird aus dem sanften Streicheln einiger kleiner, weicher Nieseltropfen das harte Pochen dicker Tropfen. Nur wenige Sekunden später prasselt ein ausgewachsener Starkregen auf uns ein.

In wenigen Sekunden bin ich komplett durchgeweicht, auf meiner Brille steht das Wasser, gansuso, wie es auf der Straße steht. Zigfach spritzt mir literweise die Gischt der Vorausfahrenden ins Gesicht, es knirscht, wenn ich meinen Mund bewege.

Sicht? Null.
Sicherheit? Bremswege? Null.
Fährt das Feld vorsichtiger? Nö.


Unbeeindruckt vom Wetter wird gebolzt, als gäbe es wieder Gold im Klondyke. Wir fliegen um die Kreisverkehre, als gäbe es kein Morgen, die Antritte nach Abbremsen sind hart, wie eh und je.

Ich muss mich so fest konzentrieren, dass ich lange vergesse, zu trinken oder zu essen. Jetzt, da es nass ist (zeitweise steht ein, zwei Zentimeter Wasser auf dem Asphalt), wird jedes einzelne Manöver, jede Lenkbewegung und jeder Bremsvorgang zum Risiko. Jeder meiner Vorausfahrenden, meiner Nachbarn, wird zum potenziellen Unfallverursacher.

Krass! Immer wieder krass, denke ich mir, beiße die Zähne zusammen, spucke die Melange aus Regenspritz, Dreck und Spucke aus und verkrampfe mich im Steuerhorn meines Rennrad-Lenkers.


So geht das Kilometer lang. Es regnet und pladdert in einer Tour auf uns nieder. Wenigstens einen Vorteil hat es: Es herrscht ein wenig Ruhe im Feld. Italienische Radsportler können ja bis 65 km/h und 18% Steigung noch lauthals schnattern. Bei Regen schweigen sie anscheinend.

08:11 Uhr - Regenschlacht

Noch immer polken wir mit unveränderter Speed über stehendes Gewässer. Unten sind meine Radschuhe dermaßen vollgelaufen, dass es bei jeder Kurbelumdrehung nur noch manscht.
Neben mir taucht Rob ab und zu auf, lässt sich nach hinten fallen, holt auf - kurzzeitig fährt er ganz vor und zieht auch mal das Feld. Diesen Spaß gönne ich ihm - mir ist das alles dann doch ein bisschen nicht ganz geheuer, ich bleibe erstmal im vorderen Drittel.


Die Passage durch Voghera bekomme ich kaum mit, außer, dass innerhalb der Kommunen der Straßenbelag noch schlechter wird, als außerhalb. Wir umfahren die Stadt auf einer Ringstraße, die wir nördlich kurzzeitig neben der A21 abreiten.

Mir scheint, als fahren die Autofahrer dort vorsichtiger. Langsamer irgendwie ...

Rob kommt wieder zu mir: "Ines ist weiter hinten, 20, 30 Positionen.", meint er. Ah, gut, denke ich - fast das ganze Team zusammen. Florian will mal wieder den Bolzer rauslassen - immerhin hat er seine Tria-Aufsätze unter unserem Spötteln - montiert. Er wird sich vorn durchs Feld arbeiten, wir vermuten ihn eine größere Gruppe vor uns.


Voghera liegt hinter uns - die ersten 60 Kilometer sind im Sack. Ich schaue auf mein Garmin, nachdem ich die Regentropfen beseitigt habe, kann ich erkennen, dass wir noch immer zwischen 38 und 40 km/h auf dem Tacho haben, ungeachtet des Wetters, der Umstände.

Ich zwinge mir mein erstes Gel rein, esse zwei Bananen, die ich mir unter die Hosenbeine gesteckt hatte und einen Riegel. Ich trinke hastig - sauge den Straßenschmutz mit einer, der durch das Spritzwasser an den Flaschen klebt: Mir egal.

08:37 Uhr - Tortur in Tortona

Wir umfahren Tortona in Richtung Novi Ligure, als wir auf eine Art Autobahnauffahrt müssen. Eine lang gezogene Rechtskurve. Bergan. Das Feld zieht sich auseinander, die Fahrbahn wird schmaler. Alles geht aus dem Sattel, Wiegetritt. Lange Kurve, "Occhio" allenthalben, einer am Straßenrand flickt mal wieder, dann überqueren wir die A7, kurzzeitig genau neben der Autobahn, Posten winken, wilde Rufe, hartes Bremsen - einer liegt zusammen gekrümmt zwischen unserer Fahrbahn und Autobahn, blutet, schmerzverzerrtes Gesicht - ein Krankenwagen kommt gerade an.


Egal, weiter. Ich schüttle meinen Kopf: Krass, mit wie viel Risiko die hier fahren. Und wir sind noch nicht einmal das erste Feld. Eher das dritte, vierte vielleicht. Sicher - da vorn geht es um richtig viel Preisgeld - 7.000 € bekommt der Sieger, wenn ich richtig gelesen habe. Aber dafür seine Gesundheit ruinieren? Das Rad mit? Andere gefährden?

Die Sonne kommt hinter uns heraus. Ah, Wetterbesserung in Sicht.
Trotzdem regnet es erst einmal weiter.


Kurz hinter Novi Ligure - wir haben nun 95 Kilometer in den Beinen - geht es langsam aber merklich bergan. Ich kann hinten auch die ersten Gipfel erkennen: Nicht mehr weit, dann wird es hinter Ovada in den Turchino-Pass gehen.

Robert neben mir: "Ich muss unbedingt anhalten bei der Verpflegung, habe kein Wasser mehr!", er sieht schon nicht mehr so gut aus. Na, ich muss auch anhalten - pinkeln!

09:40 Uhr - Ovada passiert, es wird grüner

Die Passage durch Ovada ist wie immer halsbrecherisch. Das Rennen hat noch nichts von seinem höllischen Anfangstempo verloren, außer, dass wir nun nicht mehr so oft die 40 km/h-Grenze durchbrechen, dafür stehen aber schon mal permanent 1 bis 2% Steigung auf meinem Garmin.


Es hat aufgehört zu regnen, der Fahrtwind trocknet die exponierten Stellen schnell ab, doch das unangenehme Gefühl in den vor Wasser stehenden Rennradschuhen bleibt.

Neben uns weicht die landwirtschaftliche Nutzung der Flächen - meist Getreide und Gurken - einer Weidelandschaft, Kuhherden und Schafe sehen wir immer öfter. Es wird grüner, angenehmer.
120 Kilometer sind im Kasten, ich habe eine Flasche komplett leer, esse meine letzte Banane und freue mich auf die Verpflegung.

10:20 Uhr - Erste Pause

Wir erreichen am Fuß des Turchino-Passes die erste Verpflegungsstation. Ich drücke die "Lap"-Taste am Garmin: 123,11 Kilometer, 3:19 Stunden und ein Schnitt von 37,1 km/h stehen da. Holla!

Etwa die Hälfte des Feldes hält an, viele fahren einfach weiter. Bei Mailand-Sanremo sind private Begleitfahrzeuge erlaubt und so lassen sich viele Teams und auch Einzelfahrer versorgen. Gern auch in voller Fahrt mitten im Feld, was immer sehr großes Occhio provoziert.

Ich springe vom Rad, pinkle in einen Busch, fülle die leere Flasche auf uns stopfe meine Hosenbeine mit abgepacktem Kuchen und Bananen voll, stecke mir zwei Orangenhäften in den Mund und springe wieder zurück aufs Rad: "Kurz stehen nur, Rob", rufe ich ihm zu und warte einige dutzend Meter hinter der Versorgung.

5 Minuten später winkt er von Weitem - los gehts!
Ich trete rein, drehe mich mehrmals um - wo bleibt er nur? Wir sind schon mitten im Anstieg, nur Robert schließt nicht auf. Ich bin noch auf dem großen Blatt, steil ist es noch nicht. Nur Rob kommt nicht ran. Ich entscheide: Eigenes Tempo weiter!


Der Passo del Turchino ist nicht hoch. Er ist nicht steil. Er ist nicht böse. Knapp 500 Höhenmeter, es geht selten über 10% und doch - nach diesem Kavallerieangriff der ersten drei Stunden ziept es ganz schön in den Waden, als es bergan geht.

10:40 Uhr - im Turchino

Die 38 Kilometer, die man vom ersten Berganstück bis zum Kamm braucht, werde ich in knapp 1:20 Stunde meistern.

Vor mir viele Einzelfahrer, die sich zu kleineren Gruppen zusammen schließen. Die Pausenstation hat unser großes Feld zerstäubt. Nun suchen sie sich wieder Verbündete, schauen, dass sie sich zu Gruppen zusammenschließen können. Denn nach diesem Pass lauert die windige Küste. Wohl dem, der dann eine Gruppe hat!


Ich selbst fahre den Pass locker. Bringe wenig Druck auf die Pedale - heute zählen keine Bergzeiten, heute will ich 300 Kilometer schaffen. Den unteren Teil des Turchino fahre ich auf dem großen Blatt. 20, 24 km/h hält man hier locker, dieser Pass zeigt heute nicht seine Zähne.

Erinnerungen an die Eurosport-Übertragung des Profirennens im Frühling dieses Jahres: Dichtes Schneetreiben, erfrierende, rotgezitterte Profis mit dicken Eisschichten auf den Helmen, Bustransfer über den Turchino.

Heute dürfen wir hier schwitzen.


Ich erreiche eine größere Gruppe bei Rossiglione, woe der Turchino "erst richtig anfängt". Alles wechselt auf die kleinen Blätter, schnell bin ich an der Spitze der etwa 20 Mann, lasse sie hinter mir. Und überlege: Lieber hier bleiben? In Sicherheit?

Aber ich denke mir, dass ich so lieber alleine in die lange Abfahrt gehe, als im Pulk. Einholen lassen kann ich mich ja immer noch.

Schöner, dichter, duftender Wald umgibt uns. Es ist still - hoch über uns bewältigt eine Autobahn den Verkehr. Außer immer wieder den Begleitfahrzeugen - vom T5 bis zum Caravan ist hier alles dabei - begegnen uns kaum Autos.


Irgendwann steht da: "Passo del Turchino - 5 km" und diese 5.000 Meter vergehen wie im Fluge. Ich drehe mich um: Vielleicht ist Rob rangekommen? Sehe aber niemanden. Oben auf dem Pass haben einige Rennrad-Fahrer angehalten, ziehen sich Windjacken über oder essen etwas.

Ich bin noch immer in kurz/kurz, trete über die Kuppe und gehe sofort in die Abfahrt. Noch schnell durch ein beeindruckendes Felsgewirr, dann taucht die Strecke unter mir ab.


Die Abfahrt ist ein einziger Traum. Kaum trete ich über den Kamm des Passes, erfasst mich schneller Gegenwind, ich schieße bergab, leichte Kurven - gut einsehbar - wenig Verkehr und ganz passabler Asphalt machen den Turchino-Down zu einem Genuss.

Für die 10 Kilometer Abfahrt werde ich etwa 15 Minuten benötigen. Ich kann noch zwei Einzelfahrer einholen, sogar drei, vier Autos auch. Und dann ... dann schieße ich aus dem Tal, Linkskurve, hart bremsen, Rechtskurve - und dann liegt es vor mir: Das Mittelmeer!

11:30 Uhr - an der Riviera

Bei Voltri schieße ich auf die Küstenstraße. Direkt vor mir das Blau der Riviera Ligurie, ein breiter Sandstrand, Sonnenschirme. Ein Traum. Ich muss breit grinsen.


Ich fahre einige Kilometer alleine, kann mich mit zwei Fahrern sammeln, bis wir einige Minuten später von hinten von einer etwa 5 Mann starken Gruppe aufgesammelt werden.

11:40 Uhr - Schussfahrt an der Küste

Wir haben Glück. Nachdem uns stundenlang der Regen gepeinigt hatte, war ich in Erwartung eines harten auflandigen Gegenwindes schon vorsorglich in Deckung gegangen. Doch nichts da: Petrus hat Erbarmen und so weht ein schwaches Lüftchen. Von hinten. Nicht übermäßig viel, dass der Wind uns schieben könnte, gerade so viel, dass man weiß, würde er von vorn kommen, es würde nerven.


Das Rennen ändert seinen Charakter. Die Straßenverhältnisse werden rauer. Dichter Verkehr, vor allem innerhalb der vielen Ortschaften, zwingt uns in die Zweierreihe. Zwar ist das Tempo - immerhin haben wir schon 162 Kilometer und einen Pass in den Beinen - noch immer mit rund 35 km/h recht hoch, aber da wir nur noch in einer kleinen Gruppe fahren, nicht mehr ganz so aggressiv.

Das ginge auch kaum: Von den Motorrädern, die anfangs für uns die Straßen gefegt haben, fehlt jetzt jede Spur. Wie sollten sie auch die nach dem Turchino nun wie an einer Perlenkette aufgereihten Einzelfahrer und Minigruppen betreuen?


Meine Beine fühlen sich erstaunlich frisch an. Mit Voltri und Arenzano passieren wir zwei größere Ortschaften. Unsere kleine Gruppe ist mittlerweile genug groß, um einen Verband zu bilden, für den die Italiener bereitwillig unser Überqueren der roten Ampeln tolerieren. Immer wieder stehen Menschen am Straßenrand, jubeln, applaudieren. Eine tolle Stimmung!

12:07 Uhr - Schock

Wir müssen kurz hinter Arenzano einen Felsen in Richtung Landesinnere umfahren. Zwei mal geht es einige Höhenmeter recht steil bergan, dann wieder an die Küste Richtung Gogoleto. Als wir den Ort erreichen, geht das alte Spiel los: Zweierreihe, dann Einerreihe. Neben uns rechts die Autos mit 30 km/h, wir überholen sie. Drücken uns in der Fahrbahnmitte zwischen ihnen und dem Gegenverkehr durch. Für rote Ampeln wird kaum gebremst.

Als wir kurz vor Ortsausgang beschleunigen, kommen wir an einer Ambulanz vorbei. Unter der Leitplanke liegt einer von uns. Mitten in einer 2 mal 2 Meter großen Blutlache.

Nur kurz fahren wir etwas langsamer. Dann hat uns das Rennfieber wieder.


Noch immer pocht mein Herz, wenn ich an das Bild denken muss. Schwerster Sturz, so viel Blut. Radsport, das ist immer Risiko. Stürze gesehen habe ich schon Dutzende. Verletzte auch. Immer mal wieder blutige Schenkel oder aufgeplatzte Ellenbogen. Noch nie aber einen offenen Kopf. Und so viel Blut.

Lange noch werden wir nach dem Rennen über die Aggressivität und die Unruhe dieses Granfondo Mailand-Sanremo sprechen: Flow wird mitangesehen haben, wie vor ihm einer in einen stehenden Transporter knallt, mit dem Gesicht durch die Heckscheibe fliegt.
Wenig später wird mitten im Feld einer stürzen, sich gerade noch so robbend an den Straßenrand vor dem heran rauschenden Feld retten können.

Als ich am Ende des Rennens über die Ziellienie komme, wird genau auf den Transpondermatten einer liegen und behandelt werden. Pazzo Bici - verrücktes Rennrad.

13:00 Uhr - Schiff in Sicht!

Wir erreichen Savona, die alte Hafenstadt, schießen um die Kurve und vor mir taucht der mächtige Stahlleib eines Kreuzfahrtschiffes auf.


Viel Zeit zum Gucken habe ich nicht, denn in meiner kleinen Gruppe gibt es weitaus weniger Ruhepausen durch komfortablen Windschatten, als noch am Anfang. Jeder muss mal in den Wind, auch ich beteilige mich an der Führungsarbeit - obschon, wenn ich führe, fällt die Speed auf 32, 33 km/h, führen die anderen, geht es um 1, 2 km/h rauf.

Vorbei am Dock, wir schlängeln uns an den Autos, Bussen, Caravans, Autospiegeln und Gullideckeln in halsbrecherischer Kuriermanier vorbei, dann aus der Stadt raus, gerade Strecke, kleiner Anstieg, Industriehafen, und schon wieder on Track.


Ich komme in einen Flow. Trete nur noch, lebe von Kurve zu Kurve. Das ist interessant: Solange wir nach Westen fahren, spüren wir den seichten Schub eines leichten Rückenwindes. Dreht die Strecke nach Süden ab, etwa, weil wir um einen Felsen zirkeln müssen, schreit uns massiver Gegenwind ins Gesicht, dann fühle ich den Luftdruck auf der Brust, werde abgebremst, alles schaltet runter, wir müssen uns reinlegen!

Dann, hinter der Kurve: Wieder alles gut. Das Meer glitzert lecker-blau, es rollt sich angenehm.


Heute habe ich zwei Hosen an. Unter meiner SunClass-Trägerhose die supergeile Castelli im Cervélo-Design. Das extrabreite Polster schneidet nicht im Schritt. Das dickere Polster hat mich bis jetzt vor sämtlichen Sitzbeschwerden bewahrt - immerhin bin ich schon 197 km und knapp 6 Stunden fast ununterbrochem im Sattel meines Rennrades.

Keine Sitzschmerzen also: Ich merke mir für das RATA, hier auch zwei Hosen anzuziehen.
Florian, der dieselbe Strategie fährt, wird meine Eindrücke bestätigen.


Schmerzen verspüre ich nur bei meinem alten Sorgenkind: Dem Nacken. Das ständige Hochhalten des Kopfes, nicht genug ausgeprägte Nackenmuskulatur und sicher auch die Schläge des rauen Asphalts tragen das ihre dazu bei: Langsam schmerzt jede Kopfdrehung.

Sonst fühle ich mich überraschend frisch.

Ich freue mich: Alle Zweifel, ob ich hier heute ankomme oder nicht, alles Zaudern und Hadern ist beiseite gewischt. Natürlich wird heute gefinished! Keine Frage!


Ich drehe mich um und entdecke, dass meine Gruppe mittlerweile nur noch aus fünf Fahrern besteht. Alle anderen haben sich abfallen lassen. Da unser Tempo noch immer hoch und meine Beine okay sind, trete ich schön mit.

13:54 Uhr - Überraschung voraus

Es muss kurz vor der zweiten Verpflegung rund um Kilometer 200 sein, da ich durch einen Tunnel fahre, panisch die Sonnenbrille von den Augen reiße, um überhaupt etwas sehen zu können, da ich schemenhaft zwei Fahrer in einiger Entfernung vor uns ausmache.


Hinter dem Tunnel geht es kurz bergauf, das aber knackig steil. Wir kommen näher. Das Trikot, das kenne ich doch!, denke ich mir: Es sind die Solarmodule von SunClass, ja, kein Zweifel! Adrenalin schießt mir ins Blut. Kann das sein? Kann das Florian sein?

Wow, das wäre was: Am Start hat er sich so ins Zeug gelegt, so hart reingetreten und sich seine Positionen nach vorn gekämpft, und nun - nun hole ich ihn nach zwei Dritteln des Rennens ein?

Ich arbeite mich langsam aber sicher heran.
Komisch sieht Flow aus.
Kurze Beine.
Sonderbare Haltung.
Kleiner ist er auch.
Das ist nicht Flow!


In einer Kurve kurz nach der Abfahrt fahre ich vorbei und rufe: "Ineees!!!"
Und wie sie sich freut! Schon sind wir als Zweierteam nebeneinander.

"Wie gehts Dir?", frage ich.
"Alles gut soweit. Warum warst Du hinter mir?!", fragt sie, genauso verwundert wie ich. Schnell stellt sich heraus, dass sie die erste Verpflegung ausgelassen hatte - da sie nur wenige Positionen hinter Robert und mir war, konnte sie dann einige Minuten Vorsprung herausfahren.

So freue ich mich, ein bekanntes Gesicht neben mir zu haben, als wir dann auch schon zur Verpflegung kommen. Wir halten an.

Das alte Spiel: pinkeln, trinken, auffüllen. Kurze Standzeit - schnell wieder los.


"Weißte, was pervers ist?", fragt mich Ines, als wir uns inmitten einer etwa 10 Mann starken Gruppe platziert haben: "Ich habe mich gerade dabei ertappt, wie ich so denke - Gut, das sind nur noch 100 Kilometer ... über sowas freut man sich mittlerweile!"

14:47 Uhr - am Capo Berta

Ines sieht auch nicht mehr ganz frisch aus. Roter Kopf, fährt viel im Wiegetritt. Mir hängt die Zunge auch schon raus - wie lange sind wir schon unterwegs? Siebeneinhalb Stunden? Jetzt sind die meisten Rennen schon längst vorbei.

Bei Mailand-Sanremo stehen die wahren Schmankerl eigentlich erst noch an: Cipressa und Poggio.


Was ich nicht auf dem Schirm habe: Capo Berta. Bevor wir diese steile, etwa 100 Höhenmeter überbrückende Rampe emporklettern, müssen wir zwei kleinere, aber ebenfalls steile Wellen am Ufer erklettern. Unsere Gruppe zieht sich dann immer auseinander, ich meist vorn, Ines meist hinten.

Die kurzen, aber angenehmen, Abfahrten nutzen wir, um uns wieder zu sammeln, um dann im Verband in die nächste Welle zu reiten. Ines ruft was von "kein Bock mehr", ich gucke auf mein Garmin: Noch 50 Kilometer to go.


Als wir uns Capo Berta hinauf schieben, mache ich ihr Mut: "Vor dem Ziel kommen noch zwei Berge: Cipressa und Poggio. Dann rollen wir einfach nur noch runter nach Sanremo." Sie glaubt, was ich glaube: Dass wir schon im Anstieg nach Cipressa sind.

Eine Seitenstraße, die "Via Poggio" heißt, scheint dies zu bestätigen. Noch glaube auch ich, dass wir schon einen der beiden letzten "Wächter" des Rennens geschafft haben. Nicht wissend, dass dieser heiße Anstieg erst ein kleines Vorgeplänkel sein wird.
Dass meine Höhenmeteranzeige erst 1.000 hm angibt, gibt mir jedoch schon zu denken.


Wir fahren in San Lorenzo di Mare ein, eine schicke, kleine pittoreske Stadt am Strand. Wir passieren eine kleine Einkaufspassage, dann eine Brücke über einen Fluss - dieser gibt den Blick auf einen stattlichen Hügel frei: Ist das schon der Poggio?

Er ist es natürlich nicht.

Auch ich muss jetzt viel im Stehen fahren, trete absurd hohe Gänge, denn für die hohen Frequenzen fehlt mir mittlerweile die Kraft. Noch 45 Kilometer. Dann noch 40. Bei 30 wird es erträglicher, rede ich mir ein. Und wenn ich die 30 habe, sind es im selben Moment ja auch schon 29,9 km.


Und ehe ich es mich versehe, fahren wir eine lang gezogene Rechtskurve. Vorn murmeln die Mitfahrer etwas von "Cipressa" und neben mir schließt Ines auf: "Laaaars?", fragt sie wie ein mauliges Kind: "Kommen denn hier noch viele Berge?"
Ich muss lachen.
Vorn dreht sich einer um und kontert in feinstem Schwäbisch: "Du bisch fei´ luschtg: Komme do noch Berge ...", sagt er und grinst.

Wir sind mitten drin, merke ich: Das ist die Anfahrt zum Bergdörfchen Cipressa.


Es gibt also nicht "die Cipressa", genausowenig, wie es "den Poggio" gibt, das es beides Namen für Dörfchen sind, trotzdem sprechen wir alle von diesen Bergen, als seien sie Heilige.

15:10 Uhr - in der Cipressa

Der Anstieg ist nicht lang: Keine 6 Kilometer und kaum mehr als 10% Prozent, im Schnitt keine 6% warten auf uns. Allerdings - mit über 200 Kilometer in den Beinen, stundenlangem Einweichen im Starkregen des Piemont und dann in dieser Bruthitze - kein spaßiges Unterfangen.


So würgen wir uns den Anstieg hoch, zunächst noch zusammen und nebeneinander, später lässt sich Ines abfallen. Vorher wundere ich mich noch laut: "Krass oder? An dieser Stelle setzen die Profis ihre Attacken ... unfassbar!"

Ines bleibt zurück, jedoch nie außer Sichtweite, ich halte den Kontakt zu meinen beiden Vordermännern. Rhythmisch tretend schrauben wir die Prozente weg, kommen unserem Ziel immer näher.


Als wir oben sind, lassen wir rollen. Unter uns das blaue Meer, die Riviera. Es duftet herrlich salzig, ein frischer Seewind trocknet den Schweiß auf der Brust. Etwas außer Puste warte ich auf Ines, die sich irgendwann auch in der Abfahrt befindet.

Die Cipressa war ekelig. Nicht mehr, und nicht weniger. Es ist nicht der Berg selbst, der schwer wäre, es ist die Summe aller Erfahrungen, die dieses lange Rennen mit sich bringt, die hier in die Waagschale geworfen werden.

Umso lockerer die Erleichterung, ja Freude, als wir über den Scheitel kommen und es befreit rollen lassen können: Jetzt nur noch ein Berg. Ein einziger Berg. Ein Berg noch. Dann haben wir es geschafft.


Wir kommen, wieder unten an der Uferstraße angekommen, durch Cavi und Arma di Taggia, als wir das erste Schild sehen: "Commune die Sanremo". Wir sind da. Wir sind da! Fast.

15:52 Uhr - Ich bezwinge den Poggio. Und mich selbst.

Ein paar Jungs vom Veranstalter winken uns hastig um die Kurve. Wir biegen um eine Ecke. Da schon fliegt ein Schild vorbei: "Poggio" steht da.

Unverkennbar - über mir die Gewächshäuser, abenteuerlich in den Südhang gebaut. Schon damals bei den Eurosport-Übertragungen hat mich diese urbane Nutzung, die sich so fundamental vom wild-romantischen Daherkommen eines Col d´Aubisque oder der abstrusen Mondlandschaft des Mont Ventoux unterscheidet, fasziniert: Das hier also, dieser Tomaten-und-Gurken-Berg soll einer der berühmtesten Anstiege der Radsportgeschichte sein?


Schnell vergeht mir das Spotten. Auch der Poggio ist nicht sehr steil. 6, 7%, nicht mehr als 9,5% sehe ich auf dem Garmin. Und doch zieht es mir das Letzte aus den Beinen. Zwar kündigen sich keinerlei Krämpfe an, zwar kann ich gut und rund treten, aber ich merke es: Ich bin platt!

Die Hitze wird unerträglich. Ein Glück, ich habe heute morgen (wie weit weg das klingt: "Heute morgen ...") nicht meinem Impuls nachgegeben, noch ein Unterhemd anzuziehen!


Ines hat zu kämpfen. Sie verfügt weder über eine Kompaktkurbel und fährt ein 25er-Ritzel als größten Kranz in der Kassette. Sie hängt am Lenker, zieht und zerrt, beißt und flucht - und fällt langsam wieder zurück.

"Los, Ines", versuche ich sie zu motivieren: "Nur noch das Ding hier, dann haben wir es geschafft! Das Rennen haben wir eh im Sack!" Ich nicke ihr zu, fahre meinen Stiel weiter. Sie bedankt sich, dass ich da bin, ihr Kraft gebe. Ich nicke. Und gestehe mir ein - mir gibt das auch Kraft. Lenkt mich von meinen eigenen Schwächen ab.


Oben wird es flacher. Der Ausblick fantastischer. Unter uns die Glastreppen der Gewächshäuser, neben uns, zum Greifen nahe, das Mittelmeer. So erfrischend, so herrlich blau.

Und hier als treten sie an? Cancellara und Co? Nach 286 Kilometern? Ich teste das. Gehe aus dem Sattel, schalte ein, zwei Gänge hoch und trete rein. Sicher, beschleunigen kann ich noch. Schwupps habe ich zwei Mitstreiter überholt - nur, diese Pace jetzt ins Ziel durchhalten? Und dann noch sprinten?

Undenkbar.


Ich nehme raus, genieße die Aussicht. Jetzt entweicht die Spannung. "1.000 m Controle" steht da, tausend Meter. Klacksi-klacksi. Die können lang werden. Da vorn? Nee, noch eine Kurve. Dann jetzt? Da? Nein. Doch!

Ich fahre über eine Matte. Es piept. Meine Poggio-Zeit wird genommen. Ich drehe mich um - keine Ines in Sicht. Ach, die schafft das schon, denke ich mir. 1.000 Meter. Kein Ding, die beißt sie weg.
Ich schaue nach vorn: Unter mir.
Ein Sieg.
In Sicht.

Sanremo.


Die Abfahrt ist gefährlich, weil eng. Nicht sehr rasant, weil ich kaum Gas gebe. Einige Minuten dauert der Abstieg, endlose Serpentinen, enge Kurven, hartes Bremsen. Dann, Bodenniveau.
Wieder eben.

Von jetzt ab geht es nur geradeaus. Großstadtverkehr. Busse. Schlangen von Autos. Ich alleine. Keiner mehr da. Untenlenkerhaltung. Wie lange kann das hier noch dauern? 5 Kilometer? Oder nur 3? Egal. Das Rennen ist vorbei. Ich habe es geschafft.

Helfer winken mich über jede Kreuzung. Am Straßenrand stehen sie und applaudieren.
Dann ein Torbogen.
Halb versperrt durch eine Ambulanz. Auf der Zielmatte kollabiert einer, als ich drüberfahre.

Gran Fondo Mailand-Sanremo: 9:21 Stunden und 31,4 km/h auf 295 km

Das nächste, an das ich mich erinnere: Ich sitze vor einem Berg Pasta inmitten der Finisher.


Unfassbar, dieses Rennen! Ich finishe im Mittelfeld. Keine 8 Minuten hinter Flow. Ines kommt 4 Minuten nach mir ins Ziel. Glücklich und fertig hocken wir da und stopfen Kohlehydrate in uns hinein.

Lassen alles Revue passieren: Die harten Antritte. Der Starkregen. Die blutigen Unfälle. Das Aggressive, Brutale und Harte dieses Rennens. Die schönen Ausblicke, die tolle Abfahrt vom Turchino.

Draußen bricht derweil die Hölle los: Gewitter, Donner und erneut Starkregen werden es Robert, der nach 11:30 Stunden ins Ziel kommt, sehr hart machen, die Abfahrten zu meistern. Völlig durchnässt steht er drei Stunden nach uns am Pastastand. Da sitzen wir. Dreckige Helden. Bekloppte Vögel.

Wir haben uns mit den Profis gemessen.
Auf ihrer Strecke.
Originalgetreu.
Erik Zabel, Mario Cipollini, Gerald Ciolek - ich weiß jetzt, wie sich das anfühlt. So halbwegs.

Der Gewinner des Gran Fondo fährt das in 7:44 Stunden.
2012 hat das Profirennen Simon Gerrans gewonnen. Er hat 6:59 Stunden gebraucht.


Ein gutgelaunter Taxifahrer bringt uns nach Nizza, wo wir sofort in die Dusche und später ins Bett fallen. Am nächsten Tag begrüßt uns die Cote d´Azur so, als mache sie ihrem Namen alle Ehre. Meine Beine schmerzen nicht mal mehr so, wie mein Sonnenbrand.

Ich fühle mich super trainiert.

Und stolz. Milano-Sanremo. Muss man mal gemacht haben. "Das Trikot, das jeder Finisher bekommen hat, werde ich bestimmt öfter anziehen.", sagt Robert beim Frühstück. Und Recht hat er!


Hier gibts den gesamten Track des Granfondo Milano-Sanremo als GPS-Track von Garmin.

Kommentare:

  1. Wie macht ihr eigentlich die Fotos? Begleitperson oder hast du das am Helm oder machst du die etwa selber während der Fahrt?

    Und Respekt vor der Leistung, wäre nichts für mich.

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    1. hi michael, danke für deinen comment.

      die pics mache ich mit meinem sony-ericsson satio. kein tolles smartpohne, aber tolle pics.

      grüßle,
      L

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  2. Hut ab vor eurer Leistung. Und ein extra Hut ab - bitte dies weiterzugeben - an die Dame mit Heldinnenkurbel.

    Das Ding gehört wohl zu den Sachen die man vielleicht gemacht haben sollte, ob man sie gemacht haben muss... ich zweifel ein wenig. Nachdem was man sonst gelesen hat schon, jetzt noch mehr.

    Die Fahrweise und vielen Stürze sprechen für sich. Wenn man durchgekommen ist und alles gut ging sicherlich ein unfassbares Gefühl, ob ich für mich das Risiko eingehen wollen würde? Ich bin da nicht so sicher.

    Du hast ja so oft die Fahrweise bei den italienischen Veranstaltungen gelobt, in diesem Fall lag es dann wohl an den vielen "nicht italienischen Fahrern"? Für mich ist damit zumindest klar, dass die L'Eroica auf Nummer 1 der Veranstaltungen rückt, die ich mal gerne fahren würde.

    Noch 2 Fragen/Anmerkungen.

    Für die vielen Photos ein extra Lob. Dafür hätte ich nie im Leben bei einem Rennen, noch nicht einmal bei einem Marathon die Ruhe. Ärger mich hinterher zumeist selbst, aber ich krieg es einfach nicht hin :-)

    Wenn du angibst wo man sich zeitlich im Rennen befindet, dann schreib doch vielleicht noch die km dazu? Mir würde es schlicht einfacher fallen einzuordnen, wo du dich innerhalb des Rennens befindest. Klar könnte ich auch rumrechnen, aber wenn da steht "km 180" dann weiss ich sofort was Sache ist.

    Und zuletzt. Gab es eine Mindestgeschwindigkeit? Einen Zielschluss? Zuletzt war es bei mir ein Rennen gegen den Besenwagen, daher kam bei mir die Frage auf, ob euer letzter Mann gegen ein Limit gekämpft hat?

    Dolles Ding und ich drücke sowohl die Daumen für euch Beiden als auch freue mich auf den Bericht von dieser Alpenveranstaltung :-)

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    1. moin christian,

      erstmal danke für den langen comment & das lob. ich gebe das an ines gern weiter :)

      was die km-angaben angeht: das habe ich bewusst nicht gemacht. ich wollte mit den zwischenüberschriften nämlich genau das gefühl erzeugen, das du beschreibst: nicht einordnen können, wo man ist. denn genau das - nur anders herum - hatte ich ja beim rennen.

      ich wusste zwar immer WO ich bin, aber nie, WIE LANGE es noch dauert.

      da ich das nicht nachstellen kann mit worten, wähle ich den anderen weg - und sage euch nur, wie spät es ist, und ihr wisst beim lesen nie, wo ihr seid. damit kann ich ein ähnliches unsicherheitsgefühl erzeugen (hoffe ich), wie im rennen.

      deine frage mit der mindest-speed: ja, die gab es. (es gab sogar eine altersbegrenzung bis max 65 jahre). der veranstalter hat 18:45 uhr (naja, ein bissel später) die zeitnahme abgebaut. ich nehme mal an, dass alle, die danach evtl. noch eingetroffen sind, nicht mehr in die zeitnahme kamen.

      ob es einen besenwagen gab, kann ich nicht sagen. vorstellbar ist es.

      robert hatte sicher eher nicht das limit im kopf, als das ankommen selbst. zumal er vor cipressa in ein richtig krasses gewitter mit dunkelheit, blitz & donner und allem pipapo geraten war :)

      danke für die RATA-wünsche ... es wird anscheinend ein live-tracking geben, zudem werden unsere crews regelmäßig aus den teamfahrzeugen twittern. du kannst also quasi live dabei sein ...

      grüße & ride safe,
      L

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  3. Lars,

    ich habe jedes Wort in mich aufgesogen wie ein Löschblatt Tinte. Jeden einzelnen Kilometer habe ich während des Lesens im Schnelldurchlauf vor meinem geistigen Auge nochmals durchlebt. Ich muss gestehen, dass mir dabei auch die eine oder andere Träne über die Wange lief.

    Es ist wahnsinn wie du es schaffst, die Emotionen, den Schmerz, die Freude und das Leid dieses Sports in Worte zu fassen. Und doch kann man das nur so richtig nachempfinden, wenn man es selbst erlebt hat.
    Es war schön, mit dir die letzten 100 Kilometer fahren zu dürfen und ich danke dir von Herzen, dass ich dieses Event miterleben durfte. Eine absolute Grenzerfahrung. Was für ein toller Sport.

    Christian, danke für dein Lob, darüber habe ich mich sehr gefreut.
    Heldinnenkurbel? Ja... Lars sagte im Nachhinein zu mir "du fährst zu dicke Gänge am Berg". Ja, richtig, aber ich hatte auch nicht mehr! :)

    Liebste Grüße

    Ines

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    1. ines, das war ne tolle saison mit dir! und ich hoffe, es gibt noch eine! :-)

      liebe grüße,
      lars

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    2. ich möchte hier auch mal an Dich, Ines meine absolute Hochachtung melden. Unglaublich, wie du da mit dem Team dort unten durchgezogen hast!

      Andi

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    3. hallo Lars, klasse Bericht und meine absolute Hochachtung vor dieser Leistung... und das mit den Nackenschmerzen... na ja, nach 6 Stunden Rennen ist es vielleicht auch normal, das man Schmerzen hat. Im Nacken oder wo auch immer...

      Andi

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  4. Hallo Lars,

    Bin zufällig auf Deinen Blog gestossen. Habe ALLE Berichte in mich aufgesogen. Leide bei jedem Start, jedem Anstieg, jeder Abfahrt mit.
    Deine Worte geben die Gefühle, das Leiden, die Freude während eines Radmarathons/RTF vortrefflich weiter.

    Gruss
    Gonzo

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    1. moin gonzo,

      danke fürs lob, das hört man gern :-)

      grüße & ride safe.
      lars

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  5. Wie immer ein Genuss, deinen Rennbericht zu lesen!
    Alles Gute,
    Chris
    PS: Gibst Du bei Gelegenheit mal eine (Trainings)Analyse, wo Du dich in Bezug auf das RATA siehst?

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    1. hi chris,

      danke fürs lob.

      eine trainingsanalyse hatte ich im sinn. genauso wie einen post zum thema crewtakti fürs RATA, ich bin aus zeutgründen jedoch leider nicht zum bloggen gekommen und das wird auch nicht mehr passieren - morgen gehts ja schon loa nch nauders.

      aber nur so viel: ich habe 40.000 hm in den beinden, und 5 rennen. that´s it - muss reichen :)

      und alles andere sehen wir in 4 tagen.

      viele grüße, L

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  6. Hallo Lars,
    danke für Deinen ausführlichen und interessanten Bericht. Der hat mir geholfen, mir das Rennen wieder vor Augen zu führen. Ich hab's 1995 mit zwei Kollegen absolviert. Ich hatte vor dem Turchino einen mords Hungerast (dt. Hammermann) und musste praktisch hochgehen bis zur Verpflegung, weil die Energie komplett weg war. Dennoch erreichte ich das Ziel doch noch trotz ungenügender Form.
    So brutal, wie es du erlebt hast, schien es mir nicht, aber das kann auch daran liegen, dass man sich nur noch an die Highlights erinnert und den harten Rest schneller vergisst.
    Nach 19 Jahren fahre ich mit einem jüngeren Kollegen nochmals mit. Dein Bericht zeigt mir, dass wir uns vorsehen sollen: Lieber sicher ankommen als wegen ein paar Minuten Kopf und Kragen riskieren. Positiv sehe ich, dass das Reglement dahin geändert wurde, dass die Rangfolge nur aus der Zeitmessung dreier Aufstiege ermittelt wird und nicht aus der Gesamtzeit. Man betont etwas mehr - wenigstens auf dem Papier - der radtouristischen Charakter der "Rennens". Als regelmässiger Teilnehmer am Arber-Radmarathons in Regensburg weiss ich das zu schätzen.
    Ich werd' Euch im Juni kurz berichten, wie's war.
    Bis dann,
    Michi aus Basel (CH)

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    1. moin michi,

      danke fürs lesen und loben. dir wünsche ich einen tollen GF MSR und ride safe.

      lars

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