24. September 2014

Bericht vom Endura Alpentraum 2014 - ohne Trainingsplan. Ohne Training. Ohne Plan.

„Wieder nicht komplett geschafft“, muss ich am Telefon meiner Herzdame durchgeben. Auch die Tweets am Abend im Hotel hätte ich mir anders vorgestellt. Weder nur 222 km bei 4.500 Höhenmetern. Wie 2013. Und wie 2013 wieder nicht ab Laatsch in Richtung Umbrail-Pass abgebogen, sondern in Richtung Stelvio über Prad nach Sulden. Direkt ins Ziel. Ohne den Ritterschlag des Umbrail. Ich bin ziemlich genau 11 Stunden unterwegs, als ich kurz nach 18 Uhr den 12 Kilometer langen, extraschweren Endanstieg bewältige und einfach nur froh bin, als es durch den Zielbogen geht.

Endura Alpentraum – Der härteste Radmarathon in meinem Rennkalender.


Meine Rennrad-Saison 2014 ist, um es etwas milde auszudrücken, eine sehr schwierige gewesen. Noch Ende 2012 arbeite ich bis in den Frühling hinein mit meinen Teamkollegen an einem Konzept – organisatorisch wie sportlich – um 2015 das Race Across America (RAAM) im 2er-Team zu fahren. Als das dann endlich steht, springt uns mitten im angelaufenen Training der langjährige Sponsor ab: Wir stehen von einem Tag auf den anderen komplett ohne Finanzierung da. Nach dem Tief folgt der Kampf: Wochenlang sieht es so aus, als könnten wir zumindest zu großen Teilen das Budget mit anderen Sponsoren auffüllen, das RAAM-Projekt durchziehen. Letztlich gelingt uns das aber nicht. Auch deshalb nicht, weil sich zu allem Unglück die Produktion des zweiten Teils unserer Rennrad-Doku „Punchline“ über unsere Teilnahme am Race Across the Alps 2013 verzögert – und anscheinend mittlerweile irgendwie komplett still steht.

Das Glück meint es aber gut mit uns, denn mit DuraCase gewinnen wir schließlich gegen Mitte des Jahres doch noch einen Partner. Das dann allerdings in einem Rahmen, der nicht einmal ansatzweise das RAAM-Budget deckt. Doch immerhin: Eine kleine Rennsaison sollte drin sein. Vier Rennen. So kann ich für Teamkollege Heiko und mich immerhin die klangvollsten Namen der Alpen-Rennen zusammenstellen: Die Tour du Mont Blanc in Frankreich, das Alpenbrevet in der Schweiz, den Ötztaler Radmarathon in Österreich sowie eben jenen Alpen-Traum ab Sonthofen, Deutschland.
Ende August startet dann also meine Saison, zu einem Zeitpunkt, wo man schon tausende Trainings- und Rennkilometer abgespult haben sollte. Zu wenig Zeit für mich, um noch effektiv zu trainieren. Ein Crash-Trainingsplan mit 5 Wochenenden und immerhin insgesamt 15.000 Höhenmetern soll das schlimmste verhindern. Tut er auch. Kann aber natürlich kein wirkliches Radsport-Training ersetzen.

Meine Radsport-Saison 2014: Meist verregnet. Sportliche Ergebnisse ähnlich durchwachsen.

Dass zuhause ein frisch geborenes Kind und eine bis an die Grenze belastete Mutter vom Vater Engagement erwarten (und dies natürlich mehr als gerne bekommen), wirkt sich selbstverständlich auch nicht positiv auf die sportliche Vorbereitung aus.

Kurz: Ich gehe in diesen Alpentraum mit irgendwas um die 2.700 Kilometer und 28.000 Höhenmeter. Jahresleistung. Bei Heiko, dessen frisches Kind nur einige Monate Vorsprung zu dem meinem hat, sieht es ähnlich düster aus. Dass das (viel) zu wenig ist, ist uns natürlich von Anfang an bewusst. Unsere Leistungen beim Alpenbrevet (von der Platin-Runde in Gold „gefallen“) und mein Abschneiden beim Ötztaler Radmarathon 2 Wochen vor Alpen-Traum (+60 min im Vergleich zu 2012) lassen deshalb für den Endura Alpentraum zumindest keine Spitzenzeiten erwarten.

Die Alpentraum Strecke – Start in Sonthofen, Ziel im italienischen Sulden. Meine Erfahrungen aus 2013.


Dennoch bin ich auch gespannt. Sprechen Heiko und ich immer etwas scherzhaft von der NOT-Trainingsmethode, die wir anwenden (also: kein Training, dafür viel Zeit für andere Dinge), hat das ganze doch für mich in 2014 einen gewissen Experimentalcharakter: Was kann ich mit meiner – ja durchaus vorhandenen – Grundfitniss und minimalster Vorbereitung bei solchen harten Radmarathons erreichen? Also: Ist ein Alpen-Radmarathon auch ohne Training zu schaffen?


Vortag des Alpen-Traum 2014 in Sonthofen: alt. Regnerisch. Super Aussichten.

Den Endura Alpentraum mochte ich schon, als das Rennen Mitte 2013 in der Roadbike angekündigt worden ist: 252 Kilometer mit 6.070 Höhenmetern auf 6 Pässen. Darunter 4 mir bis dato völlig unbekannte Berge: Oberjoch, Gaichtpass, Hahntennjoch und die lustig klingende Pillerhöhe. Von denen werden mir allerdings besagte Ohren noch schlackern.
Der Reschenpass via Norbertshöhe nach Nauders ist mir seit meiner Teilnahme am Dreiländergiro 2012 ein Begriff, den Umbrail kenne ich zumindest als Abfahrt von ebenjenem Rennen. Den Stelvio – auch in anderer Richtung – werde ich 2014 dann zum vierten Mal befahren.
Klingt machbar? Ja klar! Angemeldet und ab geht die Post!

Die „Post“ kommt dann 2013 aber ganz schön ins Straucheln. Zwar fahre ich für meine Verhältnisse sehr stark, komme auch bequem mehr als eine Stunde vor dem Zeitlimit in Laatsch (eine organisatorische Schlüsselstelle) an, bin aber dermaßen „gekocht“, dass ich mich spontan dazu entscheide, mich nicht über den Umbrail-Pass zu prügeln, sondern via Prad einen Teil des Stelvio-Anstiegs zu machen, um dann bei Gomagoi wieder die Originalstrecke zu machen.
Halbtot kämpfe ich mich die elend langen, nicht enden wollenden 12 Kilometer bis unter den Ortler hoch, kann nur dicke Backen im Ziel machen und unter Krämpfen vom Rennrad fallen: Ab geht die Post? Bei diesem Rennen hier und heute für mich sicher nicht!

Hole ich mir 2014 zwar auch: Doch das Trikot bekommen nur "echte" Finisher.

Es ist die Kombination aus den – für mich vollkommen ungewohnten – sehr steilen Pässen Hahntennjoch und vor allem Pillerhöhe mit den 3 „Flachstücken“ zwischen den Bergen, die mich fertig macht. So richtig fertig macht. Tendenziell gehen die nämlich stetig bergauf, immer wieder gespickt mit kleinen, fiesen Wellen. Gegenwind und irre hohes Tempo ziehen zusätzlich Körner. Nichtsahnend ob dieser Hindernisse kann ich mich zwar ganz gut behaupten – muss aber in Nauders und auf dem Weg den Reschenpass hinab nach Laatsch schließlich erkennen, dass mich dieses Rennen gebrochen hat. Umbrail? Noch einmal 1.600 Höhenmeter extra? Waren 2013 nicht drin.

Nun, sagen wir so – wären vielleicht drin gewesen, wenn ich mental die Stärke besessen hätte, mich aus dem Tief hinaus zu motivieren. Ich verpasse dieses Fenster. Bin hinterher auch eine Weile todunglücklich darüber, nicht die komplette Strecke gemacht zu haben. Und nun? 2014 wieder dasselbe? Sagen wir so: Nicht ganz.

Start zum Alpentraum in Sonthofen. Wieder einmal: Wetterdesaster.


Heiko und ich reisen per Mietwagen ins schöne Allgäu an. Wir fahren Samstag um 2:30 Uhr in der Frühe in Hamburg los und erreichen Bad Hindelang – kurz bevor der Anstieg des Oberjochs beginnt – gegen 9 Uhr. Eigentlich wollen wir noch eine kleine Trainingsrunde drehen, aber es schüttet wie aus Kübeln. Auch der eilig beschlossene ersatzweise Auto-Ausflug zum nahe gelegenen Schloss Neuschwanstein kann darüber nicht hinwegtrösten. Zudem sehen die Wettervorhersagen ziemlich bescheiden aus.
Vor dem Fenster unseres Hotelzimmers zieht es Wasserfäden. Ich mag das Fenster gar nicht öffnen: Das Pladdergeräusch macht mich fertig. Im Internet surfe ich die Wetterseiten schon gar nicht mehr an. Auf Twitter tweeten sie die neuesten Schreckensmeldungen durch. Regen. Schon wieder ein Regenrennen? Bleibt uns denn 2014 nichts erspart? Kann es nicht einfach mal nur 18, 19 Grad haben, die Sonne scheinen und gut?

Rennrad und Klamotten sind bereit: Regenausrüstung inklusive.

Bei der Tour du Mont Blanc, die ich 2014 als erstes gefahren bin, muss ich mehr als 9 Stunden im Dauerregen fahren. Da geht es jedoch noch halbwegs mit den Temperaturen. Beim Alpenbrevet kommt dann die Nässe zur Abwechslung mal aus dem Nebel – und Kälte in den Abfahrten dazu. Ekelhaft. Beim Ötztaler Radmarathon kann ich von Glück sagen, nur die letzten Stunden über das Timmelsjoch nass geworden zu sein – die Vorhersage hatte früher einsetzende Nässe vorausgesagt.

Und nun beim Alpen-Traum also schon wieder Regen?



Fahrerbriefing beim Alpen-Traum. Sicherheit steht an Nummer 1.


Wir sitzen beim Fahrerbriefing am Vorabend, schaufeln lustlus Pasta in uns hinein, während vorn der Streckenchef die neuesten Wetterinfos gibt. Und dabei legt er auch noch einen speziellen Humor an den Tag: „Ich war grad auf´m Hahntennjoch. Ihr kennt das, wenn beim Auto dann so die Frost-Warnleuchte an geht … es war … frisch da oben.“ 
Und wenig später etwas ernster: „Im Ernst: Zieht Euch richtig gut warm an! Es wird sehr kalt da oben sein, 0 Grad, 1 Grad. Dazu die Nässe! Vergesst bitte nicht, die Abfahrt vom Hahntennjoch ist sehr steil und extrem gefährlich!“ 
Oh ja! Ich erinnere meine erste Abfahrt 2013 hier. Es war scheißekalt! Kurz vor mir war eine Teilnehmerin fast ungebremst in einen Traktor geknallt – ich sehe den Helikopter noch gen Innsbruck abfliegen. Horror! Die Abfahrt ist richtig schnell, hat einige sehr, sehr enge Kurven. Links geht es ohne Begrenzung hundert Meter steil einen Geröllhang bergab. Weiter unten zwingen enge Haarnadelkurven mit aufgerillter Asphaltfläche zu komplizierten Bremsmanövern.

Erstes Zwischenstück: Im Monsun zum Hahntennjoch.


Als ich kurz vor dem "Gipfel" des Oberjochs bin, erliege ich einer optischen Täuschung: Etwa 100 Meter vor mir, in einer Gruppe aus 5 bis 10 Mann, sehe ich Heiko fahren. Sehr hoher Gang, ruhiger Tritt. Bergan, wohlgemerkt. Sie entfernen sich. Ich kann es nicht fassen! Hatten wir nicht noch vor 45 Minuten am Start ausgemacht, zusammen zu fahren? Okay, wenn er schneller ist, dann soll es so sein, aber dann kann man sich doch wenigstens abmelden?!? Ich bin stinkwütend: Erster Berg, schon macht der hier Spirenzchen ... und gebe notgedrungen Gas.


Motiviert. Aber zweifelnd am Start: Wird das heute wieder ein Regendesaster?

In der Oberjoch-Abfahrt und bis in den kleinen Anstieg zum Gaichtpass kann ich mich heran arbeiten. Sauer bin ich! Es regnet Fäden, zudem setzt sich in einem mehr als gewagten Manöver der Truck mit unseren Gepäckstücken auf dem Weg nach Sulden zwischen mich und die Gruppe: Abfahrt erschwert! Mir steht die Gischt auf der Brille, ich kann kaum etwas sehen. Der LKW ist auf den geraden Passagen natürlich schneller. Doch in den Kurven kann ich mich heranbremsen - überholen vorerst aber unmöglich. Zu glatt, zu nass, zu unübersichtlich das Ganze. Und dann Heiko da vorn - entfernt sich die Gruppe etwa wieder?

In einem kleinen Ort, der LKW muss durch eine Art Stadttor oder Torbogen - kann ich mich zwischen ihm und den Steinpfeilern auf der Gegenspur hindurchzwängen: "Jetzt aber!", ich trete rein, schließe auch auf. Uuups, denke ich, als ich endlich atemlos in der Gruppe ankomme. Das ist gar nicht Heiko! Nur eine Bib mit ähnlicher Farbgebung wie die von unserem Sponsor DuraCase. Verdammt! Durch die Fog-Gläser (orange) meiner Radbrille verdrehen sich die farben aber auch ... Naja. Jetzt bin ich der, der unnötig Gas gegeben hat!

Aber was nun? Warten? Ich wäge ab: Regen. Kälte. Dazu eine etwa 25 km lange Strecke bis zum Hahntennjoch. Gegenwind, leicht aber vorhanden. Nee, ich bleibe in dieser Gruppe. Ich werde im Hahntenn auf ihn warten.
"Hey Lars!", tönt es von hinten. Ich drehe mich um: Es ist Gregor. Gut gelaunt, aber ebenso durchnässt wie ich schließt er zu mir auf. Wir fahren neben einander, eigentlich die ganze Strecke bis zum Hahntennjoch. Wir unterhalten uns, beschnacken die Wetter- und Klamottensituation. "Hast Du keine langen Handschuhe mit?", fragt er mich. Na klar habe ich die, aber so kalt es hier auch sein mag, die sind schön trocken hinten im Road One verstaut: Wenn tatsächlich auf dem dem Hahntennjoch Minusgrade herrschen sollten, dann will ich mit trockenen Handschuhen in diese Horrorabfahrt gehen!


Pünktlich zum Start fängt es schön an zu regnen.

Vorn im Wind kurvelt ein Extracooler. Freihändig. Ist seit 5 Kilometern dabei, seine Klamotten zu wechseln. Windjacke aus. Huch, Rechtskurve. Langarmtrikot aus. Regenjacke an. Handschuhe aus. Heißa, Linkskurve. Kurze Handschuhe an. Helm ab. Mütze ab. Cap auf. Helm auf. Ah, trinken. Bergauf - na, schalten geht grad nicht. Dann halt so reingetreten. Einen Riegel von hinten hervor gefummelt. Aufmachen - mit beiden Händen natürlich. Essen. Ui, nun hat er mal eine Hand am Lenker. Jetzt noch die Schuhe nachstellen ... ach, Poser. Ich seufze.
Ich mag diese "coolen" Typen nicht. So toll sie vielleicht auch ihre Rennräder beherrschen mögen: Bei Regen und Nässe, bei Windböen und unseren halbwegs hohen Geschwindigkeiten, noch dazu an der Spitze des Feldes, wo einem nur wenige Zentimeter ein ganzes Rudel folgt, sollte man beide Hände am Lenker haben. Aber unser Freizeit-Cipollini hat es halt drauf. "Ob der das Hahntennjoch auch freihändig fährt?", fragt Gregor. Ich kann nur meinen Kopf schütteln.

Der Regen lässt langsam nach. Je weiter wir durch das Tannheimer Tal kommen, desto mehr reißt über uns immer wieder die Wolkendecke auf. Kleine blaue Inseln - immer wieder durchzogen von Hochnebelfeldern - aus Blau und - da! - auch mal hin und wieder ein Sonnenstrahl kündigen besseres Wetter an. Hoffen wir.
Wenig später hört der Regen ganz auf. Es ist nur noch die Gischt der Vordermänner, die uns die Gesichter nass spritzt, sowie unserer Vorderreifen, die eiskalt gegen die völlig durchnässten Beinlinge knallt - in meinen Schuhen steht der Eistee aus Straßenwasser. Ich friere wie Espenlaub. Freue mich umso mehr auf den Anstieg, der gleich kommen sollte.


Abfahrt vom Oberjoch: Eine Stunde unterwegs. Komplett durchnässt.

"Da bist Du ja!", knallt Heiko von hinten heran. Ist er sauer? "Mmh, ja. Sorry, ich dachte, Du wärst der da vorn ...", meine ich entschuldigend und deute auf Heikos Widergänger. "Lars.", sagt er mit ruhiger Stimme: "Ich habe eine weiße Regenjacke an. Einen silbernen Helm. Der Typ da ist komplett in Schwarz!"
Ja, jetzt sehe ich das auch. "Na, dann liegen wir jetzt wenigstens ganz gut in der Zeit ...", versuche ich, die Situation zu retten. Gottseidank kommt dann jetzt auch schon das Hahntennjoch in Sicht. Ich kann das Thema wechseln.

Gregor sehe ich nach dem Hahntenn in der Labe Imst das letzte mal wieder. Er wird den Alpen-Traum komplett nach 13:03 Stunden finishen. Herzlichen Glückwunsch!

Gefährliche Abfahrt – Hahntennjoch bis Imst & Wiedergeburt.


Das Hahntennjoch mag ich. Es ist ein mir bis 2013 unbekannter Anstieg. Umso mehr freue ich mich, dass dieser auch gleich eine so harte Sau ist. Schon, als wir die erste kleine Rampe hinauffahrend, den Blick auf das, was da nach der aller ersten Harrnadelkurve auf uns zu kommt, erhaschen, muss ich grinsen: Fast senkrecht scheint die etwa 2.000 m lange Rampe in die Felswand gefräst zu sein. Und es geht gleich richtig schön steil!
9 bis 10% durchgängig. Das Feld wird schnell langsam. Ich drücke mir mein zweites Gel des Tages rein, Berggang und erstmal rechts ran. Ich gehe das langsam an. Immerhin 16 Kilometer ist dieser Anstieg lang.

Wir fahren neben einander. Werden von Massen an Rennradlern überholt. Auch der Freihändige ist schon längst vorbei. Ich sehe immer mehr überholen. Noch denke ich mir nichts dabei: Bei jedem Bergrennen ist am ersten Pass die Hölle los. Wie beim Ötztaler Radmarathon - einige von denen, die hier jetzt die Beine wirbeln lassen, prophezeie ich, werde ich beim letzten Anstieg schieben sehen. Wir ahnen noch nicht, dass es heute eher unsere Beine sind, die wirklich langsam kurbeln.


Im Anstieg zum Hahntennjoch: Zur Steilheit kommt Nebel. Zum Nebel die Kälte.

Das Hahntennjoch besteht aus drei Abschnitten. Der Erste - sehr hart und steil zu fahren - ist etwa 5 Kilometer lang. Er ist durchgängig steil und bietet vor allem auf den ersten paar Kilometern wirklich spektakuläre Ausblicke ins Tannheimer Tal. Dann erinnert er mehr an die unteren Teile des Stelvio ab Prato allo Stelvio - Wald, eine tiefe Schlucht und ein rauschender Bergbach.
Dann folgt der flachere Teil, der zum Ballern einlädt. Mit moderater Steigung kann man schon ein, zwei Gänge mehr drauflegen und 15 bis 18 km/h treten. Etwa 8 Kilometer dauert dieser Spaß, wobei die Strecke dabei immer mehr abflacht. Zum Schluss legt man dann die Kette auf das Große und kann richtig abgehen. Feeling wie am Brenner-Pass. Aufpassen! Nicht alles rausknallen, denn abrupt muss man etwa 13 Kilometer nach Beginn des Passes eine scharfe Linkskurve nehmen: Hier geht der Tanz los!

Die letzten 3, 4 Kilometer werden dann noch mal richtig hart. Davon sind vor allem die ersten 2 einfach nur Scheiße! Die Steigung wird permanent zweistellig und die Rampen richtig fies. Bei uns kommt hier noch erschwerend hinzu, dass wir mitten in eine Herde aus 200 einjährigen Jungtieren (Kühe und Bullen) geraten, die ausgerechnet heute ihren Almabtrieb haben. "Die Rindviecher habe ich lieber bergauf", sage ich einem Teilnehmer neben mir, dem das alles nicht geheuer ist. Dabei habe ich natürlich meinen Beinahe-Crash mit einer Kuh in der nebeligen Timmelsjoch-Abfahrt beim Ötztaler vor 2 Wochen im Sinn. Und nicht zuletzt den schweren Unfall eines Teilnehmers, der im Kühtai auf der Abfahrt in ein Pferd geknallt war.
Die Tiere sind ruhig, stoisch. Jederzeit berechenbar. Süße Viecher, die uns mit ihren großen Augen anstarren.

In einer Rampe steht ein Streckensicherungsfahrzeug inmitten von 20 Tieren. Es wartet, bis die vorbei sind. Direkt vor mir ein Teilnehmer, der sich am Kofferraum des Fahrzeuges ausklinkt und anscheinend ebenfalls warten will. Als ich direkt neben ihm bin - er sieht mich anscheinend nicht - schiebt er auf einmal an, klickt ein und fährt mir fast in die Seite: Ich kann mir nicht anders helfen, als plötzlich nach rechts zu ziehen. Und fahre in eine Kuh. 
Ich kippe um ... und lehne für einen Augenblick lang am warmen Fell des Nutztieres. Das wiederum zuckt kurz. Geistesgegenwärtig kann ich mich mit einem Ellenbogen abstützen und so wieder aufrichten. Da ich vor Schreck einen Wadenkrampf habe, tut das Anfahren sehr weh - aber immerhhin, ich rette die Situation.
Als mich das Sicherungsfahrzeug wenig später überholt, zeigt mir der Beifahrer "Daumen hoch."

Leider fängt kurz vor dem Gipfel der Regen wieder an. Leicht zwar nur: Stärkerer Niesel, der aus dem dichten Nebel diffundiert, würde ich sagen, aber nervig genug, um dunkle Vorahnungen ob der Abfahrt zu wecken.
Zudem wird es kalt. Richtig kalt!

Die letzten 1.000 Meter kurbele ich neben einem Teilnehmer her, der die ganze Zeit flüstert. Mit sich selbst redet, offensichtlich. Kurz, bevor ich dann später in die Abfahrt gehe, sehe ich ihn, wie er sich bekreuzigt. Hat der etwa die ganze Zeit gebetet? Na, ganz so möchte ich zwar nicht übertreiben, aber ich kann seinen Respekt vor der Hahntennjoch-Abfahrt verstehen. Schon bei guter Sicht, trockenen Straßen und höheren Temperaturen ist sie vor allem im oberen Teil sehr gefährlich.
Auf der Passhöhe halte ich an. Danke, Lars, dass Du so mitgedacht hast, Dir die ganze Zeit Deine Finger hast blau frieren lassen: Nun streife ich mir die trockenen, warmen Langhandschuhe über. Wische noch einmal über meine Brille (sinnlos) und gehe sofort in die Abfahrt.


Endlich oben. Jetzt warm einpacken und Vorsicht in der Abfahrt!

Die Abfahrt vom Hahntennjoch gen Imst ist schwierig. Im oberen Teil kann man die Straße fast immer komplett sehen - wie beim Col d´Aubisque ist diese scheinbar gerade in den Fels gehauen. Doch ich weiß: Sie ist eben nicht gerade. Was man von Weitem nicht sehen kann sind die vielen kleinen Kurven, teilweise im 90-Grad-Winkel, wenige male auch spitzer. Es sind diese Kurven, die recht schmale Fahrbahn und die fehlende Fahrbahnbegrenzung nach links hin (es geht hier 150 m in den Geröllabhang), sowie der böige, ruppige Wind, die diese Strecke so anspruchsvoll gestalten.
Bei uns kommt heute natürlich noch die Nässe hinzu.

Ich fahre wie auf rohen Eiern. Merke jedoch schnell: Es ist weit weniger kalt, als noch 2013. Zudem, weiter unten, stoppt auch wieder der Nieselregen. Stellenweise sind Abschnitte der Strecke durch den pfeifenden Wind auch sogar schon trocken - ich komme hier heute wesentlich smoother und schneller runter, als bei meiner ersten Teilnahme.
Viele kann ich hier überholen - staune aber immer wieder, wenn mich 2, 3 ganz Verwegene mit massiv höherer Speed abzocken. So viel Vertrauen in den Bremspunkt. Habe ich nicht.

Weiter unten wird die Hahntennjoch-Abfahrt noch einmal hitzig: Hier ist der Asphalt aufgerauht. Man merkt das sofort im Zittern und Grummeln des Rennrads. Ich fahre hier bewusst langsamer. Duch die Aufrauhung haben Autoreifen mit Ketten bei Schnee und Glätte besseren Halt. Unsere 23 mm-Slicks verlieren ihn hier jedoch, zumal auf feuchter Fahrbahn, umso schneller.
In einer der Steilkurven stehen fahnenschwenkende Ordner: "Langsam! Extrem rutschig!", brüllen sie einem entgegen. Und: "Achtung, ganz langsam: Ölspur!". Ich zirkele mal lieber 5 km/h um die Ecke.

Dann endlich, die letzten, lang gezogenen Rampen. Man kann schon Imst sehen. Österreich - ich komme! Endlich wieder in Tirol. Ich freue mich. 
In Imst herrscht strenges 30 km/h Speedlimit. Mehr als eindringlich haben sie beim Briefing darauf hingewiesen, dass die Polizei auch Radfahrer lasern und die durchaus happigen Strafzettel zustellen wird. "Zudem hat die Polizei die Handy-Nummer unserer Rennleitung: Sie geben dann Eure Startnummern durch. Wer geblitzt wird, wird sofort disualifiziert!" Punkt.

Als Heiko 5 Minuten nach mir bei der Labestation ankommt, erzählt er grinsend: "Haste den Polizisten da gerade gesehen? Hinter den Mülltonnen. Genüsslich mit der Laserpistole ..." Mir ist keine Disqualifikation bekannt.


Gottseidank weniger schlimm als befürchtet: Die Abfahrt vom Hahntennjoch.

Endlich Labe! In Imst haben sie bei zünftiger Livemusik eines motivierten Akkordeonspielers ("Tage wie dieser" von den Toten Hosen als Volksmusik-Interpretation. Hammer.) wieder dick belegte Wurschtsemmeln, heißen Tee (Ahh, wie der gut tut!) und alles, was Herzen und der hungrige Rennradler-Mägen begehren. Ich bleibe bestimmt 20 Minuten hier: Länger, als ich wollte. Sicher. Aber meine Knochen sind dann doch tiefer gefroren als ich dachte, der Hunger größer als angenommen.
Hier labe ich mich im wahrsten Sinne des Wortes, stopfe mich voll und heize mich von Innen auf. Eine Wohltat! Eine Wiedergeburt.

Und doch: Ich weiß, dass jetzt erst der Tanz so richtig beginnt. Das nervige Zwischenstück bis zur Pillerhöhe steht an. Und hier werden traditionell mal so richtig die Körner gezogen ...

Zweites Zwischenstück: Jagdflug bis zur Pillerhöhe.


Es werden 25 Kilometer sein, die wir treten müssen. Schon bei meiner ersten Teilnahme - und das dann auch genau hier, als wir auf die Bundesstraße einbiegen und in dem teilweise dichten (aber nie gefährlichen) Verkehr fahren - wird mir klar, dass diese Zwischenstücke die wahren Prüfungen des Alpen-Traums (für mich) sind. 
Es ist flach. Aber nie richtig. Nie so flach, wie wir das hier in Hamburg kennen. Immer wieder wechseln sich kleine Rampen mit kleinen Abfahrten ab. Mal schnell, mal wieder langsam. Unrhythmisch. Nerven aufreibend. Schwer.
In diesem, nicht mal längsten der Flachstücke, stoße ich erstmals heute an meine Grenzen. 

Anfangs sind wir zu fünft. Vorn ein Pärchen, Mann und Frau. Meist führt er. Wir hängen uns erst einmal an beide. Dann holen wir eine älteren Teilnehmer ein, den ich locker auf 60+ schätzen würde (plus Rückspiegel), der aber ganz gut mithält. Bis Landeck - von wo aus die "kleine" Alpen-Traum Runde mit 146 Kilometern und 4.300 Höhenmetern startet - wechseln wir uns ein paar mal mit dem Pärchen ab. Ich kann mitten in einem Schneetunnel sogar eine stattliche Lücke zu einer größeren Gruppe zufahren. Und sogar noch einen Firmen-Van von Cervélo, der anscheinend zu einem anderen Event hier in Tirol unterwegs war - im Tunnel links überholen.
Als Heiko den Rest der Gruppe rangefahren hat, schüttelt er nur seinen Kopf: "Was hast Du denn genommen?"
Übermut.


Beim Alpen-Traum wechselt das Wetter von nasskalt ab
Imst (gottseidank) in trocken-warm. Overdressed.

Denn ab Landeck wird es fies. Durch die Stadt selbst komme ich noch relativ gut mit. Dann aber fahren wir auf die alte Via Claudia Augusta, die sich am Bergrücken eines Berges entlang schlängelt. Hier herrscht dichter Verkehr (der kürzere Landeck-Tunnel ist mautpflichtig) und so kann ich die Bergabstücke kaum genießen, mehr und mehr schlängeln wir uns zwischen stinkenden Autos hindurch. Eine Baustelle vermiest endgültig die Laune und die IMMER deutschen hupenden Idioten in ihren Blechdosen tun das Übrige.

Ich habe Seitenstechen von der hohen Geschwindigkeit. Mehr als einmal muss ich richtig schmerzhaft reintreten, um nicht den Anschluss an Heiko zu verlieren. Mir brennen die Beine, schon knurrt wieder der Magen: Keine besonders gute Ausgangsbasis für die Pillerhöhe.

Unsere Gruppe ist jetzt rund 30 Mann stark. Vorne schlagen sie immer wieder ein übel hohes Tempo an. Als es mal wieder recht steil bergan geht, lasse ich abreißen: "Scheiß drauf! Was soll das, dranbleiben und dann die Piller nicht hochkommen?!", denke ich mir. Hinter einem Felsvorsprung sehe ich Heiko. Auch er hat abreißen lassen.
Die haben hier aber heute alle eine geile Form am Start!, denke ich mir noch so, als wir in Fließ endlich abbiegen.

"So mein Lieber ...", kündige ich das Unvermeidliche an, drehe meinen Kopf zu Heiko: "... jetzt wird es richtig krass!"

In der Pillerhöhe – beim zweiten Mal tuts nicht mehr (ganz so doll) weh.


Von der Pillerhöhe bin ich schon ein mal an der Nase herum geführt worden. 2013, als ich mich vom durch Umbrail/Stelvio dominierten Höhenprofil habe täuschen lassen, und es nicht einmal für nötig erachtet hatte, bei Quäldich.de nachzulesen, was das denn für eine Pillerhöhe sein mag, über die ich da kurbeln muss.
Und dann der Name erst: Pillerhöhe. Pillepalle. Das kann ja gar nicht schlimm werden. Wieder so ein Füllberg, den sie einbauen, damit wir nur ja auf die Höhenmeter kommen. Die Hybris des Radsportlers: Ich kenne ja schon die ganzen krassen Berge. Pillerhöhe? Nie gehört - kann deshalb gar nicht fies sein. Dann die Länge. Nur 6,5 Kilometer lang. Da werde ich ja grad mal warm ...

Von wegen.

Pillerhöhe ist purer Schmerz. Die Rampen gehen richtig schön rein. Steil, von dem ersten Meter an. Die Pillerhöhe ist kein klassischer Pass. Keine mythische Strecke. Kein Hotspot für Motorrad- und Rennrad-Junkies.
Eher ein kleiner, schmaler Wirtschaftsweg. Und daher nicht für Verkehr ausgelegt. Hier fahren eher Traktoren. Also die Fahrzeuge, die Übersetzungen (wohl eher Untersetzungen) für die steilen Berghänge haben. Ich werde hier im Anstieg - außer den Alpentraum-Autos - nicht ein Fahrzeug treffen. Viel zu steil.

Doch erstaunlicherweise bliebt dieses mal der große Schmerz aus. Liegt es daran, dass ich ruhiger fahre, als noch 2013? Oder daran, dass ich jetzt schon weiß, was auf mich zukommt? Auch Heiko scheint mit der Pillerhöhe keine größeren Schwierigkeiten zu haben - er fährt mir regelrecht davon. Hat schon in den ersten Serpentinen im unteren Teil des Anstiegs schnell einhundert, zweihundert Meter Vorsprung. Wenige Minuten später (allerdings auch, weil ich anhalte um mich auszuziehen - Sonne, Hitze!) ist er dann ganz außer Sichtweite.

Als ich endlich die ersten sieben Serpentinen hinter mir habe, ist die Hälfte geschafft. Nur 6 Kilometer Länge? Bei nicht unter 11% durchgängig eine Tortur! Hier sehe ich denn dann auch den Ersten schieben. Aha, es gibt also auch welche, denen es noch beschissener geht, als mir. Das motiviert. Macht aber irgendwie auch Angst.

Als ich nach einer Stunde (!) die 6,5 Kilometer endlich geschafft habe, die Labestation ist in Sicht, ist Heiko schon fast fertig. Krümel vom Essen im Bart: "Ich würde gern nur kurz stehen ...", meint er, als ich gerade ächzend absteige. Das ist Heiko: Als IT-Fachmann zahlengetrieben. Er weiß schon, was mir erst in einigen Stunden klar werden wird. Nämlich, dass es eng wird heute mit dem Zeitlimit. Er kalkuliert im Geiste immer mit. Koppelt die Zahlen, berechnet voraus. 
Ich bin da entspannter: Verlasse mich mehr auf meine Erfahrung mit der Strecke 2013. Damals komme ich immerhin mit über einer Stunde Vorsprung auf das Zeitlimit in Laatsch an. Das sollte doch heute auch kein Problem sein?! Aber jetzt - will ich erst mal satt werden!

Wir stehen tatsächlich im Vergleich zur Labe in Imst nur sehr kurz. Kann daran liegen, dass es hier keine Wurschtsemmel gibt, oder auch daran, dass hier keiner zünftige Mucke zum besten gibt. Nur 10 Minuten später sitzen wir auf dem Rad.
Der kleine Gegenanstieg ist schnell weggetreten, dann geht es rasant an der Flanke des Kaunerbergs bergab. Ich liebe die Abfahrt - sie ist (wenn auch wesentlich kürzer und etwas weniger rasant) vergleichbar mit der des Jaufen beim Ötzi.
Ich ergebe mich dem Rausch der Speed - die Straße ist ja trocken - und kann mich schnell von Heiko absetzen. Der geht traditionell eher etwas seichter in die Talfahrten.

In einer der Kurven erwische ich etwas zu spät den Bremspunkt - dabei allerdings keineswegs unsicher - muss mich aber in der Innenseite zwischen Kurvenscheitel und einen Mitfahrer drängeln, der durch mich etwas härter bremsen muss. Sofort entschuldige ich mich per Handzeichen. Da kommt es von hinten herangebrüllt: "ARSCHLOCH, DU!". Ich höre auf zu beschleunigen, lasse ihn rankommen und rufe: "Entschuldigung! Kann ja mal pass...." "DU DUMMER WICHSER!", brüllt er komplett aufgebracht weiter: "IN DER NÄCHSTEN KURVE SCHIESSE ICH DICH AB, DU ARSCHLOCH!" Äh. Mmh. Okay. Ein Gefrusteter. Ich schüttele den Kopf und bremse. Startnummer merken. Man weiß ja nie. 
Er zieht an mir vorbei und poltert weiter. Ich hänge mich an ihn, nicht, um ihn zu verfolgen, sondern weil ich einfach nur schnell bergab will. Aber in einer der Haarnadeln, wo wir schön langsam sind, kann ich es mir einfach nicht verkneifen: "Baue Du Dir erstmal Dein lächerliches Mountainbike-Visir ab, Du Vogel!", brülle ich ihn an. Nicht gerade die souveränste Art, ich weiß. Doch er versteht mich, glaube ich, eh nicht.


Der kleine Streit ist schon vergessen, als ich später durch
den Zielbogen fahren kann.

Ein paar Serpentinen weiter, wir kochen beide im frischen Fahrtwind etwas herunter, setze ich mich neben ihn: "Hallo?", quatsche ich ihn an. "Hallooooo?" Er guckt. "Man, tut mir Leid! Ich wollte Dich echt nicht ausbremsen - hab nur zu spät gebremst. Wirklich: Sorry." Er schüttelt den Kopf. Eine Serpentine später: "Ach komm, jetzt hör mal auf! Ist doch halb so wild. Dafür müssen wir uns hier nicht so ankacken. Okay? Okay?" Keine Reaktion. Na gut, denke ich mir. Dann schmoll mal weiter. Und beschleunige.

Als ich unten in Kauns ankomme, mache ich langsam, um auf Heiko zu warten. Als er neben mir ist, bremst er ab: "Okay, alles gut. Hab´ Dich nur nicht gesehen und mich echt erschrocken." "Ja, kann ich mir denken. Sorry nochmal." Wir wünschen uns gute Fahrt. Na bitte, geht doch. Er zieht davon. Der Pöbeler wird nach 13:02 Stunden seinen Alpen-Traum finishen. Ich stalke seine Nummer: Nicht, um ihn anzuzeigen. Herzlichen Glückwunsch natürlich auch Dir!

Nachdem ich mich durch eine weitere Kuhherde zwänge und an einem Stromhäuschen zum pinkeln anhalte, kommt Heiko angefahren. Er hält auch an und verstaut die Klamotten, die er zu viel hat in seinem Rucksack. 
"Okay, und los!", motivieren wir uns. Vor uns liegt das letzte, dennoch welligste, nervigste und mithin längste der Flachstücke. 

Drittes Zwischenstück: Martina, Norbert und Nauders. So fühlt sich also der Hummer.


Nachdem ich im zweiten Zwischenstück und später in der Pillerhöhe an meine Grenzen komme, fühle ich mich jetzt eigentlich wieder ganz gut: "Geil, Heiko!", rufe ich ihm im Gegenwind zu, "Jetzt nur noch die Norbertshöhe und dann sind wir eigentlich auch schon im Umbrail!" Ich freue mich riesig, bin motiviert und meine Beine machen wieder gut mit.

Die Wellen, die wir auf dem Weg nach Martina in der Schweiz hier neben der Motorstraße abreiten, nerven: Steile, kurze Rampen, dann wieder - leider ebenso kurze - Abfahrten. Ständig am hoch- und runterschalten. Das hatte mich damals schon angenervt. Heute macht es mit dem Cervélo S5 und vor allem der elektronischen Di2-Schaltung doch schon sehr viel mehr Spaß - wenigstens müssen meine Finger nun weniger Kraft aufwänden, um die Gänge und Blätter aufzulegen.

Wir werden hier eine Stunde und 10 Minuten kurbeln. Durch das Inn-Tal pfeift ein starker Wind. Der dreht - so fühlt sich das zumindest an - kurz hinter Ried auf Rückenwind. Wenigstens die Baustelle "Gegenwind" bleibt uns also heute erspart und so erreichen wir durchaus auch in den kurzen Abfahrten hohe Geschwindigkeiten. 
Pfunds ist deshalb gefühlt schneller hinter uns, als befürchtet, obschon mir die Zunge ganz schön aus dem Halse hängt. Einige Kilometer hinter Pfunds geht es dann auch schon links ab in den Reschenpass. Für den Radverkehr gesperrt: Wir müssen über Vinadi in die Schweiz einreisen, nur, um drei, vier Kilometer später über Martinsbruck und die Norbertshöhe wieder nach Österreich auszufahren.

Die 29 Kilometer dieses letzten Flachstückes sammle ich irgendwie wieder Energie. Ich fühle mich immer besser, kann kraftvoller treten und merke auch daran, dass Heiko immer öfter abreißen lassen muss und später auch in der Norbertshöhe eine ähnlich miese Figur macht, wie ich in der Pillerhöhe. Bis zur letzten Kehre kurbelt er weit hinter mir und flucht nur noch. Da geht es mir gerade eindeutig besser. Oder geht es Heiko einfach nur schlechter?

In der Norbertshöhe kann ich aufdrehen. Naja, sagen wir mal so: Im Vergleich zu den anderen Teilnehmern werde ich wenigstens nicht mehr (so häufig) überholt. Das Feld hat sich also konsolidiert. Die Schnellen sind schon vorn. Hier hinten fahren wir nun alle die selbe Speed. Auch beginnen wir, die ersten Teilnehmer der kleinen Alpen-Traum-Runde einzusammeln. Wir erkennen sie an den roten Startnummern. 
Als Nauders in Sicht kommt und wir die kurze, aber schnelle und angenehme Abfahrt in Angriff nehmen, fühle ich mich kurz daheim. Schon 2012 hat mir dieser Ort beim Dreiländergiro gefallen, 2013 bei meiner Teilnahme am Race Across the Alps (RATA) habe ich mich noch mehr in Nauders verliebt.

Zeit zum Sentimentalwerden bleibt freilich keine: Eine steile Rampe auf dem Radweg aus Nauders hinaus muss ich erklimmen, dann erreichen wir die Labestation Nauders. Die Letzte vor dem Umbrail. Hier entscheidet sich mein Rennen. 

Zeitlimit in Laatsch – Entscheidung am Reschenpass.


Als ich ankomme, sind wir geschlagene 8 Stunden unterwegs. Es ist 14 Uhr. Die Sonne brennt. Ich lasse mich, mit einer Schale köstlicher Pasta und drei dicken Scheiben Melone ausgestattet, ins Gras fallen. Muss husten. Erst jetzt merke ich, dass mein Eindruck von der Norbertshöhe wohl nur eine Fata Morgana war: Ich bin richtig im Eimer! Beine wie Pudding, Motivation auf dem Nullpunkt.
Neben mir stöhnt ein Anderer: "Ich kürze ab! Kein Bock mehr!" Weiter neben uns zwei, die unterhalten: "Umbrail? Schaffen wir eh nicht mehr!" Zwei Fahrer mit Trikots der Mecklenburger Seenrunde grüße ich - die sehen noch halbwegs fit aus. Heiko beugt sich über mich: "Los Lars, wenn wir im Limit bleiben, machen wir den ...!"

Im Limit? Noch 1:30 Stunde bis sie in Laatsch die Strecke über den Umbrail dicht machen. Mir ist das aber gerade mal scheißegal. Mir geht es beschissen. Absturz direkt hinter Nauders. Genauso wie 2013! Noch immer atme ich schnappend, schon die zweite Schüssel Pasta, schon eine halbe Melone gefuttert. Nüsse, Trockfrüchte und gefühlt einen Liter Pepsi schütte und schaufle ich in mich hinein.
Heiko wie auf heißen Kohlen.

"Ich mache schon mal los. Komm, Lars, lass uns den Umbrail machen!" Wieder schüttle ich den Kopf: "Ist doch egal, dann sammeln sie uns halt im Anstieg ein ...", meint er noch und fährt an.

Irgendwas hievt mich in den Sattel. Ich kann mich kaum motivieren. Heiko fast außer Sicht, die Radstraße den Reschenpass hoch nervt nur. Seicht ansteigend geht es auf der B-Straße neben uns bequem hoch - nur, die dürfen wir ja noch nicht nutzen. Statt dessen auf diesem Wellenbad ... ich könnte nur fluchen. Endlich, der Pass. Wir werden auf die große Straße gewunken. Ich klemme mich hinter Heiko. Es geht zunächst langsam, dann schneller.
Wir erreichen Resia. Südtirol. Hach. Jetzt anhalten und in einen dieser Speck-Läden. Ich liebe Tiroler Schweinereien!
Aber nein, hier hänge ich schwitzend hinter Heiko. Großes Blatt und gib ihm!


Der Reschensee. Im Hintergrund schillert das knapp 2.800 m hohe Stilfser Joch.

Rechts der Reschensee. Hinter uns eine Autoschlange. Geduldig, das Eine ums Andere, überholen sie uns. Es sind wieder nur die Piefkes, meine nervigen Landsleute, die hupen. "Määäh, meine Straße ... blöde Radfahrer!" äffe ich sie nach, wenn sie mich überholen. Noch dazu ohne ausreichenden Sicherheitsabstand. Ach, Deutsche. Ihr habt es einfach nicht drauf.
Heiko brüllt von vorn über seine Schulter: "Könnten wir ... schaffen! Ich freue ... auf Reschen ... Abfahrt! Mein ... Höhepunkt!", sagt er, und tritt noch mehr rein.

Wir ballern durch die Fischerdörfer am Reschensee auf italienischer Seite, schlängeln uns durch einen Stau und knallen in die rasante Abfahrt. Die fahre ich heute zum dritten Mal und weiß daher, dass hier fiese Abwinde vor allem auf den rechtsseitigen Abschnitten gefährlich an Rennrad und Fahrer zerren - und das mitten in schwerem Verkehr.

Dennoch kann ich sogar ein, zwei Autos überholen, an einem durch einen Traktor verursachten Mini-Stau geradezu vorbeisegeln und einen holländischen Caravan mitten in der Kurve rechts liegen lassen. Das Adrenalin, das mir aus Nase und Ohren tropft, sollte an Heikos Radbrille klatschen.
Kreisverkehr, Laatsch rechts. Rausnehmen: Here we are.

Es ist 15:31 Uhr, als wir am Ortseingangsschild von Laatsch ankommen. Heiko gibt Gas. Kann ja sein, dass meine Uhr vorgeht ... wird er sich denken.

Es ist 15:35 Uhr, als wir über eine Zeitmatte des Alpentraum-Zeitnehmers fahren, links abbiegen müssen, an Daniel Beck vom Alpecin-RoadBike-Team vorbeifahren, der gerade auf zwei Teilnehmerinnen einredet, und uns dann zwei Fahnen-Ordner an einer Einmündung die Richtung zeigen.

Wieder links abbiegen.
Es geht also nicht in den Umbrail.

Anstieg nach Sulden – endlich im Finish des Alpen-Traum!


Ich bin einerseits maßlos enttäuscht, dass wir das Limit nicht geschafft haben. Fünf Minuten nach Streckenschluss! Andererseits auch froh. Ich weiß, was im Umbrail auf uns warten würde: 16 Kilometer steiler Anstieg. Das ganze im Schatten. Kalt. Oben noch steiler. Ich konnte im Reschenpass das Stilfser Joch sehen: Es lag im Nebel. Nass?
Heiko schließt zu mir auf: "Lousy Legs wird immer besser!", scherzt er: "Wir haben die Rückstand auf das Zeitlimit im Vergleich zum Alpenbrevet halbiert!" Er kann lachen. Ich nur grinsen.

Na, egal, sage ich mir. Anscheinend waren wir heute tatsächlich richtig schlecht. Wenn ich 2013 hier noch mit einer Stunde Vorsprung angekommen war und wir heute demnach eine Stunde langsamer waren, dann kann unsere Form wirklich nicht gut sein! Kein Wunder - ohne Training, nur die paar Kilometer und Höhenmeter der Rennen in den Beinen. Andererseits: Dafür schlagen wir uns dann wiederum gar nicht so schlecht ... 

"Einhundertneunundneunzig ...", ruft Heiko. Starrt auf sein Display. Dann: "Zweihundert! Geil!", freut er sich: "Ich bin noch nie 200 Kilometer in den Alpen gefahren." Na bitte, wenigstens ein Erfolgserlebnis.
Als ich 2013 hier in diesem Abschnitt war - es war mindestens genauso heiß wie heute, habe ich kurz angehalten, eine kleine Pause gemacht, den Blick ins Tal auf die endlosen Apfelhaine genossen und meine Freundin angerufen. Das machen wir heute auch so, entscheiden wir uns, und halten an einer kleinen Bar an.
Stellen die Rennräder ab.
Setzen uns in die Sonne.
"Buon giorno!", grüße ich die Bardame. Wir bestellen uns zwei große Apfelschorle. Die machen sie hier aus frischen Äpfeln. Die Sonne scheint uns auf die Nasenspitze. Wir stöhnen - und leben.
Viele Fahrer schießen an uns vorbei. Einer dreht dann doch auch um, als er uns sieht. Setzt sich zu uns. Apfelschorle. Gesicht gen Sonne. Genuss. 

Nach 30 Minuten raffen wir uns auf. Die letzten 22 Kilometer stehen an. Endanstieg nach Sulden. Wir machen hier heute 4.500 Höhenmeter. 1.600 hm werden fehlen, um den Alpentraum zu finishen. 1.000 hm werden fehlen, um den Ötztaler zu überbieten. Und doch: Wir werden zufrieden sein, als wir oben ankommen.


Komisch: Keine 50m nach dem Ziel sind alle Schmerzen vergessen. Naja, fast alle ...

Vorher freilich wartet das "Monster nach Sulden". Es sind wenige Kilometer bei um die 7% seichte Prozent bis Gomagoi ab Prad, dann wird es fies. Der Endanstieg zieht nochmal bei bis zu 18% alles aus den Waden, was da noch so drin sein könnte. Ächzend knarzen die Knie, flehend knirschen die Tretlager. Hier leiden einfach alle. Ab Gomagoi geht es 5 Kilometer richtig steil und hart zur Sache. Hier gilt es, einige wirklich fiese Rampen hinter sich zu bringen. Heute, daheim, da ich das hier schreibe, frage ich mich wieder einmal, wie man das mit 1.600 Höhenmetern mehr in den Beinen und nach einer rasanten, kalten und mitunter nassen Abfahrt vom Stelvio meistern soll?

Richtig beeindruckend ist der steile Tunnel vor dem kleinen Örtchen Außersulden, dann eine Haarnadelkurve, die sie auf einer achterbahnartigen Straße gebaut haben, die wie eine Sprungschanze in den Abgrund ragt. Nach den ersten 5 Kilometern - mir hängt heißer Atem aus der Fresse - wird es etwas flacher für 2, 3 Kilometer. Jetzt hat es "nur" noch 7 bis 9%, ehe es dann in den 4 letzten Serpentinen nochmal so richtig schön steil geht. Heiko brüllt in die Steile, erste Zuschauer - oder Begleiter - stehen in den Haarnadeln und feuern uns an. Ich weiß, wenn wir jetzt hier hoch sind, war es das dann endlich. Dann geht es nur noch 2 Kilometer halbwegs flach nach Sulden hinein. Das wars dann.

Hier hatten die RoadBike-Redakteure 2013 einen kleinen Fotoverschlag aufgebaut, um die schlimmsten Alpen-Traum-Gesichter abzulichten. Schade, heute hätte ich mich gern auf den Fotohocker fallen lassen - meine fertige Visage hätte es sicher auf das Cover der RoadBike geschafft.

Es wird etwas flacher. Dann steht das Schild, auf das wir uns so lange gefreut haben: "Finish 1 km". Bei Heiko brennen plötzlich die Sicherungen durch. Auf einmal geht er aus dem Sattel und tritt wie ein Bekloppter an. Wie ein Mustang scheint sich das Cervélo unter ihm aufzubäumen, das Vorderrad hebt ab: Ich schüttle nur mit meinem Kopf, sehe, wie er mir auf den letzten paar hundert Metern davon knallt.
Scharf kippt die Straße nach unten ab, taucht weg. Letzte Kurve, 90 Grad, ich bremse an, gehe aus dem Sattel, wende kurz meinen Kopf: In 100 Metern Entfernung der AlpenTraum Zielbogen, reingetreten!
Ich schieße um die Kurve ... Heiko liegt neben der Straße. 

"Gestürzt?", rufe ich unnötigerweise, als ich hart bremse. Er betastet sich die Knie, zwei Ordner stehen kopfschüttelnd daneben. Es scheint nichts passiert zu sein: Anscheinend hat es ihn in seinem Speed-Wahn aus der Kurve getragen, der Bordstein hat das Rennrad abrupt gestoppt, ihn in das Gras daneben geworfen. Glück gehabt: Nur 2 Meter weiter hätte ihn wohl ein Jägerzaun aufgespießt.
Als ich sehe, dass alles in Ordnung ist, fahre ich langsam weiter und durchs Ziel: Die Uhr stoppt bei 11:05 Stunden. Heiko rollt einige Minuten nach mir durchs Ziel.

Wir sind froh und glücklich. Und am Boden zerstört. Beide zugleich, das geht heute.

Endura Alpentraum, die Zweite: Was ich gelernt habe.


Ich habe wieder das selbe Hotel, das gleiche Zimmer wie 2013 gebucht. Nachdem wir die Rennräder verpackt und abgegeben haben, können wir es gar nicht erwarten, in unsere Zimmer zu kommen. Wir duschen schnell den Schweiß und den Dreck des Tages ab - und springen sofort in die heiße Sauna. Dann lassen wir die Pastaparty aus, fleezen uns in das Restaurant und ich lasse mir die wohlverdiente Platte Tiroler Spezialitäten kommen. Den Hauptgang verputzen wir, als gäbe es kein Morgen.


Ich liebe Südtirol: Der Alpen und natürlich der
"Tiroler Schweinereien" wegen. Yummie!

222 Kilometer. 4.500 Höhenmeter. Eine Stunde Pausenzeit. 5 Minuten zu spät am Checkpoint. Bei 11 Stunden Fahrtzeit sind das 0,75%, die wir zu langsam waren. 0,75%.

Was habe ich gelernt?

1. Der Endura Alpen-Traum ist das härteste Eintages-Rennen für Jedermänner im Rennkalender. Abgesehen von der Platin-Runde des Alpenbrevet, die ich aber noch nicht einschätzen kann, bestätigt sich heute bei meinem zweiten Einsatz beim Alpentraum mein Urteil von 2013. Der Alpentraum ist wesentlich härter als der Ötztaler Radmarathon. Das liegt zum einen meiner Meinung nach an den steileren Bergen - Hahntennjoch, Pillerhöhe und Endanstieg Sulden sind einfach dermaßen harte Anstiege, dagegen machen sich Jaufen und (in Teilen) Kühtai und Timmelshjoch viel einfacher, rhythmischer aus. Zum anderen die Flachstücke - fast 3 der 11 Stunden Gesamtzeit verbringe ich in den insgesamt 75 Kilometern Wellenbad.

2. Der Endura Alpentraum fordert den kompletten Radfahrer. Für mich gestaltet sich der Alpen-Traum auch deshalb so schwierig, weil er einen kompletteren Radsportler fordert. Einen, der nicht nur stark (und schnell) bergauf ist, sondern vor allem einen, der auch Distanz kraftvoll wegtreten kann. Und genau diese Fähigkeit fehlt mir, aufgrund des Nicht-Trainings. Anders, als beim Ötztaler, der fast komplett ohne Flachstücke auskommt, und daher nur aus Bergauf und Bergab besteht, verausgabt man sich hier beim Endura-Rennen in den Flachstücken unendlich - nur, um dann unmittelbar nach diesen Etappen in extrem steilen Abhängen zu stecken. Kraft-Ausdauer ist bei diesem Rennen beiweitem die wertvollste Währung!

3. Ohne Training nicht zu schaffen. Gut, das klingt jetzt vielleicht komisch. Aber: Während ich den Ötztaler Radmarathon noch 2 Wochen vor dem Alpentraum in ähnlich trainingsloser Verfassung komplett ohne Krämpfe oder psychische Tiefs in relativ fitter Gesamtverfassung finishen kann (zwar 60 min langsamer als 2012, aber weit vor dem Limit und niemals in der Gefahr, vom Besenwagen eingeholt zu werden); und kann ich zudem die immerhin noch 5.200 hm umfassende Gold-Runde des Alpenbrevet in ebenso (halbwegs) guter Gesamtverfassung finishen, bricht mir dieser Alpen-Traum mal wieder das Genick: Dieses Rennen ist einfach eine richtig fette harte Nummer! 

Der Alpen-Traum ist mit nichts im Rennkalender zu vergleichen.


Wenn man diesen Berg sieht, hat man es geschafft: Tirols 
höchster Gipfel, der Ortler.

Heiko ist noch einen Tag später ziemlich niedergeschlagen. Für ihn zählt die ganze Rückfahrt, die wir fast schweigend verbringen, scheinbar nur der Umstand, wieder an einem Zeitlimit gescheitert zu sein. Ich sehe das anders: Wir haben in diesem Jahr, das nun weißtgott nicht zu den radsportlich besten unserer Saisons zählt, das Beste gemacht, was wir erreichen konnten. Haben all den Schwierigkeiten und Hindernissen zum Trotz die Herausforderungen der Alpen angenommen - und, das finde ich, uns den Umständen entsprechend wacker geschlagen haben. Zudem haben wir wieder tolle Rennrad-Abenteuer erlebt, den Rausch der Abfahrten, den Lockruf der Berge und die Kameradschaft im Peloton gespürt. Wir haben Geschichten geschrieben, haben Teamgeist gelebt, viel gelacht und daher keinen einzigen dieser Kilometer vergeudet. Im Gegenteil.

Ich schalte nach dem Finish mein DuraCase ab - es hat sich in 4 Stunden Regen, der Kälte und später der Hitze Südtirols wieder wacker geschlagen - und weiß, dass diese Saison 2014 nun vorbei ist.
Ich verspreche mir, in 2015 mehr zu trainieren. Nachdem der RAAM-Traum nun (vorerst) ausgeträumt ist, mein Kind in ein Alter kommt, in dem man nicht mehr 24/7 rund um die Uhr Wache halten muss, werde ich wieder etwas mehr Zeit haben, um mich dem systematischen Aufbau von Grundlage und Leistungsbereich zu widmen.

Denn im nächsten Jahr werde ich wieder einen attraktiven, durchgeplanten und auf einander aufbauenden Rennkalender zusammenstellen, der nicht aus der Not und in aller Eile geboren, sondern mit System erdacht worden ist.
Der Endura Alpen-Traum wird hierin sicher wieder seinen Platz finden. Und wie sagt man so schön? Aller guten Dinge sind drei. 2015 werde ich mir endlich das Finisher-Trikot für die lange Strecke verdienen. Wirklich.

Nachtrag, für die Statistik. 2014, die zweite Ausgabe des Endura Alpentraum. Es sind laut Starterliste 563 Teilnehmer für die lange Strecke gemeldet. Laut Ergebnislisten gehen 447 Starter am Morgen in Sonthofen auf die Strecke.
375 Teilnehmer werden als offizielle Finisher auf der Strecke Sonthofen-Sulden gewertet: Sieger Roberto Cunico mit 8:31 Stunden, als letzter wird Sven Hutter mit unfassbaren 13:46 Stunden in der Nacht den Zielbogen durchfahren. 


Vor allem habe ich Respekt vor all den Finishern, die
sich nahe des Zeitlimits durch die Nacht nach Sulden kämpfen. Wow!

37 Starter sind als DNF gelistet - das sind die, die während des Rennens an den Limits rausgenommen werden oder, am schlimmsten, oben auf dem Umbrail-Pass aus der Zeit fallen.
64 Teilnehmer - darunter Heiko und ich - werden nach Streckenschluss über Prad nach Sulden geleitet (oder tun dies freiwillig). 
Damit sind 101 der 447 Starter DNF. Das ist eine Quote von 22 Prozent.


Fotos von Sportograf.com und Lars Reisberg.














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Kommentare:

  1. Hi Lars

    Mal wieder ein klasse Bericht.
    War der Umbau auf 34er Kurbel denn nun spürbar? Ich bin ja derzeit auch am Überlegen vom 36er runterzugehen. Bin aber wirklich unschlüssig ob der Unterschied groß genug ist dem Umbau zu rechtfertigen.
    Das mit dem Wetter ist dieses Jahr wirklich vertrackt. Auch beim SURM war Land unter. Natürlich nur am Eventtag.
    Aber Zeitweise hätte ich auf Schlauchboot umsteigen können....

    LG
    Matty

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    1. hi matty,

      danke fürs lob.
      also, ich denke schon, dass sich die 34er bemerkbar macht. gerade die wirklich fiesen rampen ließen sich auf dauer besser treten. wirklich spürbar entspannter war der effekt beim ötzi: 2012 mit heldenkurbel, 2014 mit 34er-kompakt. hat sich also m.e. gelohnt.

      LG L

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    2. ach ich seh das auch nich so eng. hetzutage hast du mit 11fach doch so derbe spreizungen auf den kassetten, das war doch früher nur mit riesen sprüngen vorstellbar. da kannste heute doch ruhigen gewissens was nehmen was gut durchkurbelt. bin früher auch nur mit standardblättern unterwegs gewesen, aber kompakt is imho praktikabler. (für mich eh, den ernsten rennscheiss solln mal andere machen ;) )

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  2. Hi Lars,

    schade wärs wenn das Projekt RAAM beerdigt sein sollte.

    Für mich geht eine sehr mühsame Saison zu Ende. Das Training war viel besser als in den Jahren zuvor. Dank Wasis Plan im Tour Forum habe ich ab Februar sogar strukturiert trainiert.
    Die Werte vor dem schweren Sturz waren auch sehr gut.

    Der Endura war ein geteiltes Rennen. Bis Nauders habe ich das meiste richtig gemacht. Durch mangelnde Rennpraxis 2014 fuhr ich ab Landeck viel zu dick angezogen. Mit gefütterten Arm- und Beinlingen, Neoprenüberschuhen und Weste kochte ich bis Santa Maria.

    Völlig dehydriert und mit Hungerast ging es in den Umbrail. In 25 Minuten trank ich dann drei 0,7l Flaschen und konnte die Leistung leidlich stabilisieren. Leider hatte ich nach 10 Minuten Vorsprung in Nauders meinen zweiten Platz schnell verloren. Bis zum Stilfser Joch war ich wieder dran.
    In der Abfahrt zeigte sich jedoch immer noch mein Unfalltrauma. Ich verlor Minuten auf die Zweite und war langsamer als im Vorjahr als ich mich verpflegend bewusst sehr langsam abgefahren war. Die Zweitplatzierte fuhr auch wirklich schnell und sagte danach sie sei jung und habe noch keinerlei Angst. Vermutlich fuhr sie deshalb auch mit Triathlonaufsatz. Von dem hatte die Organisation wegen der verlangsamten Reaktion beim Bremsen ausdrücklich abgeraten.

    Die Zeit am Ende war gut. Jedoch ist weit mehr möglich. Meine Fitness ist nicht einmal auf dem Niveau von Ende April.

    Insgesamt bin ich sehr dankbar den Unfall überlebt zu haben. Ich freue mich auf 2015.

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  3. morsche lars,

    geiler Bericht, da wird man selbst noch mal an einiges erinnert, das man gar nicht mehr auf dem Schirm hatte.

    Danke für die Glückwünsche.

    Lachen musste ich auch an einigen Textstellen. Der Poser........war schon ein Freak, einer von vielen.

    Übrigens: du warst glaube ich dieses Jahr nicht so viel langsamer in Laatsch.

    Das Roadbook von 2013 war noch sehr jungfräulich und mit anderen Zeiten bestückt. Start um 7 Uhr und Zeitlimmit in Laatsch um 16.45 Uhr, was 9,75 Studen zum Cutt-off sind. Dieses Jahr Start um 6.30 Uhr und Laatsch 15:30, also nur 9 Stunden Zeit. Warste also nur 15-20 Minuten später in Laatsch als im Vorjahr oder?

    wie auch immer, ich finde deine Leistungen beachtlich. Ich war ja schon von deinem Rennkalender verblüfft als ich die 4 Renn-Namen gelesen habe. Du weißt schon, dass es auch einfachere gibt? :-) .....ja ja ich weiß, ist dann langweilig. geht mir ja auch so.

    wünsch dir ne geile zeit und überleg doch mal, 2015 statt nem laufmarathon Mallorca 312 zu fahren. Hätte ich total Bock drauf!

    LG Gregor

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    1. hi gregor,

      danke fürs comment.
      stimmt, veränderte zeiten, hatte ich gar nicht aufm zeiger. na, anyway...

      M312 fänd ich auch spannend. ist eh in der engeren wahl :)

      liebe grüße,
      L

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  4. Moin Lars,

    tolle Leistung!
    Welche Marathons hast du für 2015 geplant?

    Ciao
    Dieter

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    1. hi dieter.

      joa, geht so... :)

      2015 ist noch nix fest. bin da nocb am feilen :)

      LG L

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  5. hi Lars,

    wie immer gut berichtet.............und eine mega Wildsau ohne plan so ein rennen anzugehen!!

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  6. Sehr geiler Bericht. Alle guten Dinge sind 3 nächstes Jahr fährste das ding komplett !

    Bin gespannt was du 2015 angehst werd mir demnächst auch ein Plan für 2015 machen evtl kannste hier ja ein paar gute "must rides" ;) empfehlen.

    Btw die grand fondos werden immer mehr ;) bspw. 28. Juni 2015 - GFNY Mont Ventoux hört sich verlockend an

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  7. "Dann holen wir eine älteren Teilnehmer ein, den ich locker auf 60+ schätzen würde (plus Rückspiegel), der aber ganz gut mithält." - öhm. also ich hab mir einen http://www.radspiegel.de/ geholt - sauber. möcht ich nicht mehr missen.

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