11. Februar 2015

Den Mortirolo-Pass mit dem Rennrad fahren? Radsport-Legende Udo Bölts und Strava-Leader Simone Orsucci im Interview.

Schon allein das bloße Aussprechen des Namens lässt Radsport-Fans wie Radsportler gleichermaßen erschauern: Mortirolo! Dieser berühmt-berüchtigte Pass gilt mit seinen durchschnittlich 10 Prozent Steigung und Rampen bis über 20 Prozent als der härteste Pass Italiens. Selbst der Monte Zoncolan, der vielen als der Inbegriff von Härte gilt, oder der Anstieg zum Kronplatz reichen nicht an die Unerbittlichkeit des Mortirolo - so zumindest die einhellige Meinung meiner bisherigen Gesprächspartner, die den Mortirolo kennen. Da ich ihn selbst noch nicht befahren konnte, bin ich froh und dankbar, in der Radsport-Legende Udo Bölts und dem derzeit Zweitschnellsten im Mortirolo Strava-Segment, Simone Orsucci, zwei mehr als kompetente Interviewpartner gefunden zu haben.



Ohne Udo Bölts ist ein Jan Ullrich kaum denkbar, sagte mir mal einer.
Der bärenstarke Anfahrer und langjährige Teamkollege hat sich oft für Ulle eingespannt.

Nachdem ich am Telefon eine sehr spannende Stunde mit Rudi Altig verbringe, den ich ursprünglich für diesen Artikel interviewe, klärt dieser mich irgendwann allerdings erstmal auf: "Den Mortirolo sind wir damals beim Giro noch gar nicht gefahren ... der kam erst in den Neunzigern zum Giro dazu. Frag doch mal den Bölts-Udo, der müsste das Ding besser kennen." Danke, Herr Altig für das trotzdem tolle Gespräch - vielleicht für spätere Themen wieder? Und: Gesagt, getan. Ein paar Tage später steht der Interview-Termin, auf den ich mich wieder sehr freue: Udo Bölts. Doch zunächst bereite ich mich dann noch etwas auf meine Fragerunde mit ihm vor. Was ist eigentlich dieser Mortirolo?


Mit dem Rennrad den Mortirolo-Pass befahren? Mehrmals? Everesting!


Warum ich mich so intensiv mit dem Mortirolo beschäftige: Hier will ich am 16. Mai dieses Jahres ein Everesting starten - 8.848 Höhenmeter. Der Mortirolo liegt nur etwa 30 Kilometer südlich von Bormio - also einen Katzensprung vom Stilfser Joch entfernt. Dennoch taucht dieser Pass kaum in Jedermann-Rennen oder bekannten Gran Fondos auf, was mich wundert. Man könnte diesen Pass nämlich wunderbar mit dem eher leichten Aprica-Pass oder dem schon heftigeren Gavia-Pass verbinden.

Der Mortirolo selbst ist ein alter Militärpfad, der irgendwann asphaltiert worden ist. Ein ruhiger Pass, denn er ist für den laufenden Verkehr kaum von Bedeutung und daher eher spärlich befahren - kein Vergleich zum Stelvio also. Zudem ist die Straße zur Pass-Spitze selbst sehr schmal, was LKW-Verkehr und Busse das Durchkommen erschwert. Dennoch ist der Mortirolo alles andere als ein Geheimtipp.


Je nachdem, wo man startet, ist die Anreise zum Mortirolo recht weit: Danach aber befindet man sich
in illustrer Gesellschaft mit anderen Pässen.

Die klassische Strecke zur Spitze hinauf ist die Nordrampe ab Mazzo. Es geht 12,4 Kilometer bei angesprochenen 10 Prozent durchschnittlicher Steigung bergauf. Die ersten beiden Kilometer noch erträglich zwischen 5 und 8 Prozent - ab dann eigentlich durchweg zweistellig. Besonders fallen mir im Steigungsprofil die 800 Meter bei 14,5 Prozent ab Kilometer 3, dann ein schönes, 700 Meter langes Stück bei 15 Prozent und - da freue ich mich besonders drauf - ganze 1,5 Kilometer bei 13 bis 13,5 Prozent Steigung auf! Na, das kann ja heiter werden ...

"Verschnaufen" kann man auf den 200 bis 500 Meter langen Passagen, die dann etwas "flacher" ausfallen - mit flach meine ich hierbei 8- bis 10-prozentige Rampen. Nicht mitgezählt sind hier natürlich die bekannt heftigen Spitzen in den Haarnadelkurven, die zwar nur wenige Meter lang, dafür hier aber bis zu 25 Prozent steil sein sollen.



Udo Bölts bezeichnet sich selbst nicht als den Bergspezialisten - hat dennoch beeindruckende
Leistungen in der Vertikalen gezeigt.

Der Anstieg zum Mortirolo verläuft auf fast der gesamten Länge komplett im Wald: Ein Vorteil, wenn man diesen Berg im Sommer erklimmen will. Schatten und frische Waldluft tragen sicher dazu bei, dass man nicht auch noch aufgrund der Witterung Energie verliert. Auf den 12,4 Kilometern ab Mazza überwindet der Kletterer hier ganze 1.300 Höhenmeter und erreicht bei 1.852 Metern Höhe über dem Meeresspiegel den Passübergang. 

Wenn wir das Everesting hier voll bekommen wollen, müssen wir die Rampen hinauf zum Pass also 7 mal erklimmen. Alter Schwede: Ausgehend von der mittleren Kletterzeit laut quäldich.de, die bei 1:22 Stunden liegt, wären das also Netto 9:30 Stunden reine Aufstiegs-Zeit. Rechnen wir 25 Minuten für eine Abfahrt und planen alle 2 Aufstiege komfortable 45 Minuten Pause ein, wäre dieses Everesting-Event ein Arbeitstag von 15 Stunden. Wenn alles gut läuft, das Wetter und Rennrad halten. Und unsere Waden natürlich. Komisch, denke ich mir, dabei habe ich mit Sebastian am Brocken damals für gerade mal 4.000 hm ganze 10 Stunden brutto gebraucht?!

Ich studiere das Profil. Wie so oft bei Bergen, versuche ich, Abschnitte zu erkennen, Eselsbrücken zu setzen. Orientierungspunkte die mir später helfen können, mich im Berg zurecht zu finden oder einzuordnen, wann was kommen mag. Mir Kilometerangaben zu merken, die ich als Marker nutzen kann. Doch ich kann beruhigt sein, hier muss ich nix auswendig lernen, denn das ist beim Mortirolo sinnlos: Direkt ab 1.000 Meter im Anstieg geht die Hölle los. Piller Höhe - nur viel, viel, viel länger. Hier geht es übrigens zum Rennbericht des Endura Alpentraum 2013, meiner ersten Begegnung mit der steilen Piller Höhe. Mehr Informationen zum Mortirolo bietet wie immer das Pässeportal Quäldich.de.

Genug zum Berg. Er ist halt ganz einfach: Nur steil! Ich fühle mich adäquat vorbereitet für das Interview.



Joa. Nech? Ist halt ... Mortirolo.

Udo Bölts erreiche ich kurz nach 20 Uhr. Er klingt relaxed, das Gespräch beginnt außerordentlich herzlich und sympathisch. Er beginnt 1989 seine Profi-Karriere im Team Stuttgart, das spätere Team Telekom/T-Mobile. Hier bestreitet er unter anderem 12 Tour de France-Rundfahrten in Folge und erreicht hier auch seine größten Erfolge. Leider muss man dazu auch sagen, dass er - ebenso wie (fast?) alle dieser Radsport-Generation auch - in die Doping-Praxis verwickelt ist.
Es sind sechs Fragen, die ich mit einem überraschend gesprächigen und überaus offenen Udo Bölts beim Telefon-Interview durchgehen kann. Und mir dabei wünschte, dies bei einem richtig kalten Bier auf einem gemütlichen Sofa von Angesicht zu Angesicht tun zu können. 


Udo Bölts über den Mortirolo: "Damals hatten wir keine Kompaktkurbel ..."


Lousy Legs: "Ich kann mir vorstellen, dass ein Rennfahrer mit Ihrem Palmarés irgendwie schon alle möglichen und unmöglichen Pässe gefahren ist - aber vielleicht kann es ja doch sein, dass Sie sich an Ihre erste Fahrt auf den Mortirolo erinnern können?"

Udo Bölts: (lacht) "Na klar, und ob! Ich kann mich sogar richtig gut an das erste Mal an diesem Pass erinnern! Es war der Giro d´Italia 1994 - meine dritte Teilnahme an dieser Rundfahrt ..."

Lousy Legs: "... den Mortirolo gibt es da ja erst seit 3 Jahren im Programm des Giro, dann haben Sie den ja auch bei seiner Premiere mit erleben können ..."

Udo Bölts: "Ganz genau! Und dennoch hatte dieser vergleichsweise junge Pass schon damals einen ganz eigenen Klang im Peloton. Vor allem die Italiener haben den Namen mit Ehrfurcht ausgesprochen. Ich war damals 28 Jahre alt, schon 5 Jahre Profi und hatte schon einige Erfahrungen bei diesen großen, 3-wöchigen, sehr harten Rundfahrten. Dennoch war Mortirolo immer etwas Besonderes. Damals haben sie vor der Etappe alle getuschelt ... Morgen geht es über den Mortirolo!, haben sie alle geraunt. Das war durchaus ein Riesenthema im Feld."


Bölts im Anstieg bei seiner letzten Saison 2003 beim Team Gerolsteiner. 
"Quäl Dich, Du Sau!" - war für ihn selbst auch nie bloßer Spruch.

Wir sprechen über den Giro d´Italia 1994, einem recht einprägsamsten Zusammentreffen mit dem Mortirolo. Der Giro, die wie ich finde auch heute noch spannendste 3-Wochen-Rundfahrt der drei "Großen", fand damals eine so illustre wie heute gleichsam legendäre Fahrerschaft wie Marco Pantani, Dschamulidin Abdushaparov (mein Vorbild als Freizeit-Friedensfahrer und kleiner DDR-Pionier :) oder den damals schon heldenhaft verehrten Miguel Indurain. 
Das Rennen, 3.721 Kilomeer lang, wurde am Ende von Evgeni Berzin vor Pantani und Indurain gewonnen. Udo Bölts beendet es auf einem fantastischen Gesamtrang 18 mit nur 30 Minuten Rückstand auf die Siegerzeit.

Udo Bölts: "Die Etappe mit dem Mortirolo ... ich glaube, es war die 15te. Die habe tatsächlich ich noch besonders gut in Erinnerung. Wir hatten lange 190 Kilometer an diesem Tag vor uns ... immerhin schon in der zweiten Woche im Rennen. So richtig frisch waren wir nicht mehr. An diesem Tag ging es zunächst über den Stelvio. Ach, und wir hatten an dem Tag so richtiges Sauwetter!"

Lousy Legs: "... den Stelvio kenne ich zur Abwechslung recht gut. Gottseidank bei bisher nur passablen Bedingungen. Kein besonders steiler Pass ..."

Udo Bölts: "... nee, aber ein langer! Wenn du den mit Vollgas im Rennen hoch musst - mein lieber Scholli! Es war kalt und nass, die ganze Zeit war es nur am regnen. Unten nach der Abfahrt dann sehr heiß. Wir zogen alle Klamotten aus, dann weiter. Es ist ja nicht weit bis zum Mortirolo. Irgendwie schaffte ich es bis ganz nach vorn. Als ich am Mortirolo ankomme bin ich mit einem anderen Fahrer allein. Wir sind an der Spitze - Ausreißergruppe!" 



2003 sieht die Hardware-Situation schon besser aus. 1994, beim ersten Mal Mortirolo, hat Udo Bölts
noch keine Kompaktkurbel am Start.

Udo Bölts: "Ich gehe in den Anstieg - sausteil! Richtig hart! Damals hatten wir noch keine Kompaktkurbeln, das heißt man musste sich am Start einer Etappe genau überlegen, welche Übersetzungen man sich vom Mechaniker auf das Hinterrad bauen lassen wollte. Wir fuhren damals 39-25, glaube ich. Das war dann schon die kleinste Übersetzung - übel, oder? Du musstest da richtig hart treten - und ich meine, das war Rennhärte! Und das tat ich auch. Wie im Rausch war das - die Zuschauer, diese Massen! Die haben mich richtig die Rampen hochgepusht. Und dann ... lässt der Andere ab. Jetzt bin ich ganz allein. Vorn!"

Lousy Legs: "Sie erreichen als Erster den Pass?"


Udo Bölts: "Nee, leider nicht: Von hinten kam dann eine kleine Nachzüglergruppe, mit der ich zunächst noch mithalten konnte. Aber kurz vor dem Pass - die Straßen sind sehr schmal am Mortirolo - passiert es dann: Es stehen die Fans so dicht, dass einer der Marshalls stecken bleibt, das Auto säuft beim Anfahren ab, so steil ist das da! Hinter ihm ein Motorrad ebenfalls. Als ich am Motorrad vorbei will, kippt der Fahrer mitsamt Maschine um - der heiße Auspuff streift mich. Nichts Wildes, keine bleibenden Verbrennungen, aber ich musste vom Rad."


Lousy Legs: "Ach verdammt! Und dann die Hektik, neu einklicken und los - und das alles wo Sie doch gerade noch Etappenführender waren ..."

Udo Bölts: "Na, pass auf: Damals fahren wir zwar schon Klickpedale, die mit den heutigen modernen vergleichbar sind, aber mit einem Unterschied - an den Schuhen, die Platten, die sind aus Stahl. Das heißt, wenn du ausklickst und versuchst zu laufen ... geht nicht! Du rutschst einfach nur weg. Immer wieder, wie auf Eis! Und das ganze nun da oben! Da ist es dermaßen steil, dass ich im Prinzip nicht mehr anfahren konnte - die Zuschauer mussten mich anschieben!" Udo Bölts lacht. So ist das Rennen ... 

Udo kann diese Etappe zusammen mit dem späteren Gesamtsieger Berzin als toller Siebter beenden - nur 4 Minuten hinter dem Etappensieger Pantani. Den Mortirolo behält er seit dem in reger Erinnerung.


Lousy Legs: "In der Tat eine spannende Geschichte - die hätte ich so auch nicht vergessen. Würden Sie denn sagen, dass dieser Pass der Härteste für Sie war oder ist?"


Udo Bölts: "Tja. Also Härte hat ja immer etwas mit den Begleitumständen zu tun. Wie man gerade drauf ist, wie das Wetter ist und wie man selbst fährt. In meinem Fall ist das so, dass ich den Mortirolo immer sehr gut und schnell, auch sehr erfolgreich, wegfahren konnte. Und obwohl das wirklich ein sauhartes Ding ist, habe ich ihn als nicht allzu hart in Erinnerung."


Lousy Legs: "Was wäre denn dann für Sie persönlich der härteste Pass?" (Vielleicht ändern wir ja noch mal unser Programm fürs Everesting ...)


Udo Bölts: "Also, für mich persönlich ... ich mag halt lange Berge nicht so besonders. Das liegt mir einfach nicht so. Ich mag eher die kurzen: Ich liebe die Ardennen. Unentdeckt, wild und dch auch mit einigen interessanten Bergen ausgestattet. Wenn Sie mich nach meinem persönlichen Horrorpass fragen ... so richtig gelitten wie ein Hund habe ich immer am Col de la Madelaine. Wie lang ist der? 27 Kilometer oder so, richtig? Nee, der war immer mein schlimmster Berg."


Ah, der Madelaine also ... gar nicht so weit weg vom Galibier. Das könnte man sich ja mal überlegen. Aber bleiben wir beim Mortirolo. Denn neben Udo Bölts gewinne ich noch einen zweiten Gesprächspartner.



"Der Anstieg ab Mazzo verlangt vor allem mentale Stärke." Simone Orsucci und der Mortirolo.


Als ich mich auf das Everesting am Mortirolo vorbereite, checke ich natürlich auch Strava. Nicht, weil ich dort nach den offiziellen Everesting-Regeln mitmachen möchte, sondern einfach nur, um mir die Zeiten in diesem Segment anzuschauen. Mein lieber @velolars - seines Zeichens Strava-Mitglied - schreibt für mich die Top 3 des Segmentes an, es meldet sich ein sympathischer Simone Orsucci, seines Zeichens (zurzeit) Zweitschnellster im Strava-Segment des Mortirolo.
Simone lebt in der Toskana, ist - wie so viele Italiener - radsportverrückt und, wenn ich das von meiner Warte aus charakterisieren sollte, einer der professionelleren Gran Fondo-Fahrer. 2010 siegt er beim Nove Colli und kann einige weitere exzellente Platzierungen, zum Beispiel auch am Mortirolo, herausfahren.



Simone Orsucci im Anstieg: Seine Strava-Bestzeit hat er
beim Gran Fondo Giordana herausgefahren.

Lousy Legs: "Lieber Simone. Erst einmal auch Dir vielen Dank für Deine Bereitsschaft, mir ein Interview zu geben. Sag, wie oft bist du den Mortirolo gefahren?"

Simone Orsucci: "Ich bin alles andere als ein Mortirolo-Kenner, würde ich sagen, denn bisher bin ich den nur drei mal gefahren. Und das immer während meiner Teilnahmen beim Gran Fondo Giordana 2012, 13 und 14. Ich habe hier immer die mittlere Strecke mit 155 Kilometern in Angriff genommen, die über den Gavia-Pass führt und dann den Mortirolo bereit hält. Mit 3.600 Höhenmetern ein sehr hartes, knackiges Rennen, genau das Richtige für mich."

Lousy Legs: "Also stammt dein Strava-Rekord auch noch aus einem Rennen?! Und vorher mit dem Gavia in den Knochen? Nicht schlecht! Wie war das, den Mortirolo dann so schnell zu fahren?"

Simone Orsucci: "Wie das war? Eigentlich ganz normaler Rennverlauf, würde ich sagen. Meine schnellste Zeit ist aus 2013, ich wusste also schon aus dem Vorjahr, was auf mich zukommen würde. Ich schaffte es, knapp hinter einem anderen Teilnehmer oben anzukommen, bin sehr bestimmt, nicht zu schnell, gefahren. Ich komme aus der Toskana, wir haben dort kaum harte Berge oder Anstiege ... na, vielleicht noch den San Pellegrino ... aber sonst gibt es da keine so richtig knackigen Anstiege. Trotzdem komme ich am Mortirolo und an Pässen generell ganz gut klar. Als ich meine Bestzeit fuhr war ich 2013 richtig gut drauf: Leider hatte ich den Absprung in die Ausreißergruppe verpasst, sodass ich einige Minuten nach ihnen am Fuße des Mortirolo angekommen war. Ich fühlte mich in einer überragenden Form - auch nach dem sehr harten Gavia - und freute mich, als es in den Mortirolo ging."

Was ihn am meisten fasziniert, sagt Simone, ist die Bedeutung des Mortirolo für die großen "Schlachten" des Giro d´Italia, die Kult-Status in Italien haben: Sich hier hochzukämpfen, auf den Spuren jener Helden, die hier ihre Kämpfe ausgetragen haben, sei gerade am Mortirolo etwas ganz besonderes, sagt er.


Starke Physis, Erfahrung und vor allem mentale Stärke: Orsucci
findet, dass es diese drei Dinge besonders braucht, um den Mortirolo zu besiegen.

Simone Orsucci: "Ich entschied mich, zunächst eher nicht Vollgas zu gehen, obschon ich wusste, dass sie vor mir nicht weit weg waren. Der Mortirolo ist sehr lang - und wirklich sehr hart! Obwohl ich dann 2013 meine schnellste Zeit machen konnte, wurde ich am Ende nur Dritter im Ziel. 2012 war ich noch der Zweitplatzierte, 2014 dann Achter."

Lousy Legs: "Wir wollen bei unserem Everesting den Mortirolo von Mazzo aus fahren, so wie Du ihn gemacht hast: Kannst Du uns etwas mehr über Deine Eindrücke von diesem Anstieg erzählen?"

Simone Orsucci: "Im Prinzip ist der Mortirolo in ein paar Worten erklärt: Er ist extrem hart, weil er niemals nachlässt, bis man oben ist. Es gibt keine einfachen Abschnitte, man muss jederzeit hart treten. Ich denke, der Mortirolo fordert drei Dinge ganz besonders: Die körperliche Stärke natürlich, dann aber auch persönliche Erfahrung und vor allem mentale Stärke."

Lousy Legs: "Ersteres kann man sich antrainieren. Inwiefern ist die persönliche Erfahrung wichtig?"

Simone Orsucci: "Das wirst Du sicher unterschreiben können: Je besser Du einen Anstieg kennst, desto sicherer wirst Du. Beim Mortirolo ist das wichtig, weil er so hart ist - du leidest eigentlich von Anfang an. Da ist es dann schon wichtig zu wissen, wo man sich genau befindet und wo die richtig fiesen Stellen kommen und wo es nicht ganz so horrormäßig ist."

Lousy Legs: "Du sprichst von mentaler Stärke - wie meinst Du das?"

Simone Orsucci: "Der Anstieg macht Dich vor allem im Kopf fertig. Wenn ich mir ausmale, dass Ihr da sieben Mal hoch wollt ... ich stelle mir das extrem vor! Da brauchst Du dann schon viel Energie, denn ich nehme mal stark an, dass Deine Beine schon längst aufgegeben haben werden, wenn Dein Kopf Dich aber noch die Rampen hochtreibt."


Lange Pässe liegen ihm, sagt Simone. Selbst wenn das
Wetter nicht mitspielt.

Lousy Legs: "Würdest Du den Mortirolo auch als den härtesten Pass der Alpen bezeichnen? Gibt es Pässe, die Du als vergleichbar einstufen würdest?"

Simone Orsucci: "Ich habe bisher nichts gefunden, was dem Mortirolo ähnlich wäre. Vielleicht ist der Passo Giau verwandt - allerdings in einem verkleinerten Maßstab, was die Länge angeht. Mein Hauspass in der Toskana, der San Pellegrino, hat im oberen Teil einen Abschnitt, der sogar steiler ist, als der Mortirolo. Aber das ist alles nichts gegen den Echten."

Lousy Legs: "Was sagst Du zu unserem Everesting-Vorhaben?"

Simone Orsucci: "Ich finde das total spannend! Und verrückt gleichermaßen. Persönlich bin ich bisher nie mehr als 5.000 Höhenmeter am Stück gefahren - beim Ötztaler Radmarathon. Ich denke, Ihr müsst Euch wirklich gut vorbereiten, körperlich wir mental. Wenn ich mich für so ein Event trainieren müsste, würde ich mehrere Einheiten mit mehr als 4.000 Höhenmetern absolvieren. Wenn Ihr dann dort seid, achtet auf das Wetter: Der Anstieg beginnt tief weit unten. Das kann sehr heiß sein - oben dann schnell empfindlich kühl. Ebenso passt in den Abfahrten sehr auf, denn die Straße ist wirklich schmal und daher besteht kaum Raum für Fehler."

Everesting: 8.848 Höhenmeter am Mortirolo sammeln.


Ich berichte Udo Bölts von unserem Vorhaben, am Mortirolo ein Everesting zu starten und bin auf seine Reaktion gespannt. Witzigerweise fällt diese überraschend spontan und sympathisch aus:

Udo Bölts: "Was für ein verrückter Plan! Und Ihr fahrt dann da sieben mal hintereinander hoch?"

Lousy Legs: "Ja genau. Den selben Weg dann wieder hinab ..."

Udo Bölts: "Abgefahren. Stelle ich mir spannend vor. Ich bin den Mortirolo vor ein paar Jahren im Rahmen der MTB-Transalp gefahren. War auch ziemlich weit vorn, musste dann aber auf meinen Teamkollegen warten. Ich habe das alles noch recht frisch in Erinnerung - deswegen kann ich Euch nur raten, auf der Abfahrt extrem vorsichtig zu sein!"

Lousy Legs: "... die schmale Straße ..."

Udo Bölts: "Ja, und nicht nur das: Als ich da während der Transalp hoch bin, das erste mal nach meinen Giro-Einsätzen, bin ich den Pass gänzlich ohne Zuschauer gefahren. Das ist schon eine ganz andere - viel härtere - Nummer! Wenn da Tausende stehen, dich anfeuern und hochbrüllen, dann bist du so voller Endorfine, dass du die 12 Kilometer kaum spürst. Es ist hart, ja sicher, aber gleichzeitig wirst du dann aber irgendwie hochgetragen. Ganz anders, wenn du das Ding alleine fährst - ohne Zuschauer. Ohne Applaus. Da bist dann nur noch du allein. Dein Atem. Dein Schmerz. Niemand, der dich antreibt und zieht."


Fokussieren - kleine Ziele setzen - Durchhalten!

Udo Bölts: "Wenn du da ganz alleine hoch musst, kann sich das Ding ganz schön ziehen! Du musst dann wirklich durchhalten und einen starken mentalen Fokus haben, um nicht im Kopf einzuschlafen. Ich finde Eure Idee wirklich Klasse! Auch, weil Ihr mit Sicherheit den Mortirolo auf eine Weise kennen lernen werdet, wie man es in einem Rennen oder bei einer Tour sicher nie hinbekommen würde - aber Ihr solltet Euch wirklich darauf vorbereiten, dass dieser harte Anstieg Extremes vor allem vom Kopf verlangt."

Lousy Legs: "Wie habt Ihr Euch denn früher auf solche harten Etappen vorbereitet? Oder speziell auf den Mortirolo?"

Udo Bölts: "Ach, das war damals eine ganz andere Zeit. Bei Telekom, gerade in den ersten Jahren, ging es noch nicht so bockel-ernst und durchdekliniert zu. Ich kann mich erinnern, dass bei den ersten Tour-Teilnahmen dann zum Beispiel ein Uwe Ampler irgendwann "nicht mehr konnte" und heim fuhr. Oder wenig später, dann war da von den Sponsoren auch keiner mehr da oder der Sportliche Leiter sitzt auch schon im Auto heimwärts. Dann bist du im Team mit wenigen Betreuern und machst dein eigenes Ding. Tolles Abenteuer! Dann kam das schon oft vor, dass ich als Neuling dann zu den alten Hasen bin - meist zu den Italienern natürlich - und die dann halt gefragt habe, was von dieser und jener Etappe zu halten sei, worauf wir achten sollten, welche Übersetzungen man aufzulegen hätte und so. Die waren auch immer total kooperativ und hilfsbereit."

Lousy Legs: "Das war ja noch die Zeit vor dem Funk ..."

Udo Bölts: "Genau! Wir haben dann schon grobe Schlachtpläne gehabt, wann wer mitgehen sollte oder so - aber gerade anfangs war das eher ein spontanes Unterfangen."

Auf meine Frage, ob er denn Lust hätte, im Mai mitzukommen, lacht Udo am Telefon: Vorstellen könne er sich das schon, so etwas zu machen. Das klingt lustig und schräg, sagt er. Simone Orsucci lehnt dankend ab: Seine Saison sei schon verplant und obschon er stolz auf seine Bestzeit in Strava ist - so ein Everesting muss für ihn nicht sein. Uns jedoch kann das nicht abhalten - ich freue mich auf den 15. bis 17. Mai, das verlängerte Wochenende am Mortirolo. Und hoffe, dass wir dann auch nach hoffentlich 7 Auffahrten ähnlich jubelnd unten ankommen werden, wie Simone bei seinem Nove Colli-Sieg ...


Everesting am härtesten Pass der Alpen? 5 Fakten zu unserem Event.


Ihr hättet auch Lust, uns zum Mortirolo zu begleiten? Ein mal einen ganzen Tag lang Zeit haben, sich nur mit diesem einen Anstieg zu beschäftigen? Ihn richtig in- und auswendig kennen zu lernen und - vielleicht - die 8.848 Höhenmeter für das Everestig zu sammeln? Begleitet uns doch - wir würden unser Everesting gern mit Euch teilen.

Fakt 1: Die Anreise. Wir haben (deshalb hat das mit dem Preis auch so lange gedauert) echt alle möglichen und unmöglichen Anreisearten durchkalkuliert und dabei von Selbstfahren mit 2 Bussen bis zum gecharterten 4*-Reisebus alles berücksichtigt, was nur irgend ging. Fazit: Bei 10 bis 12 Mann sind wir eine genau zu große Gruppe, um preiswert mit selbstgemieteten Autos zu reisen und dabei zu klein, um einen Charterservice zu nutzen. Unsere Lösung: Je nachdem, wie viele sich von Euch anmelden (bis 6 Personen wären OK), mieten wir entsprechende Fahrzeuge.

Ihr wohnt nicht in Hamburg? Kein Problem! Wir schauen, dass wir Euch - gern auch mit kleinen Umwegen - entlang unserer Route zum Mortirolo einsammeln und wieder abliefern.
Abfahrt wäre Donnerstag-Nacht gegen 21 Uhr in Hamburg ab ZOB. Alle weiteren Rendevouz-Punkte berechnen wir dann, wenn wir wissen, wo wir Euch einsammeln.

Fakt 2: Die Unterkunft. Wir haben in einem wirklich tollen Hotel fast direkt an der Einbiegung zum Mortirolo schöne Doppelzimmer für uns reserviert. Das Hotel bietet einen Wellness-Bereich, dessen Nutzung für uns kostenlos wäre sowie - extra für uns - ein Frühstück ab 3 Uhr morgens. Wir wollen ja ab 4, 4:30 Uhr in den Anstieg gehen. Ihr könnt Euch also am besten zu zweit anmelden - dann wisst Ihr, mit wem Ihr die Nacht vor und nach dem Event verbringt, oder Ihr lernt Euch auf der Fahrt kennen. (In jedem Fall Ohropax nicht vergessen :)


So sollte das beim Everesting aber nicht aussehen: Udo Bölts
gibt uns mit, bei den Abfahrten sehr vorsichtig zu sein. Enge Strecke!

Fakt 3: Die Betreuung. Da dies unser erstes Everesting-Event sein wird, wollen wir erst mal klein anfangen und werden deshalb nicht gleich am großen Rad drehen: Deshalb, und auch um die Kosten so gering wie möglich zu halten, wird es zunächst keine Betreuer geben. Das spart deren Aufwandsentschädigung, Hotel & Transport-Kosten. Wir deshalb ein Büffett, bei dem sich alle Teilnehmer beim Everesting über jederzeit mit Essen und Trinken versorgen können, bereitstellen. Ein Self-Service ist mehr als okay - vielleicht können bis dahin ja auch das nette Hotel überreden, das Büffett im Hotel selbst stattfinden zu lassen.

Fakt 4: Das Programm. Wir kommen dann im Laufe des Freitags in Mazzo di Valentino an, beziehen unsere Zimmer und machen die Rennräder klar. Wer von Euch will, wird schon gern mal eine Runde am Mortirolo zum "warmschießen" drehen können. Heiko und ich besorgen in der Zeit alles für das Büffett. Geht früh schlafen, denn ab 3 Uhr machen sie uns extra ein Radsportler-Frühstück, sodass wir ab etwa 4 Uhr, 4:30 Uhr in den Berg können. Meine 15 Stunden waren sehr optimistisch geschätzt. Ich denke - für mich persönlich - dass ich schon den ganzen Tag über benötigen werde. Oder mir einfach diese Zeit nehme. Bis Sonnenuntergang oder knapp danach sollten wir fertig sein. Nun schnell ins Bett, denn wir wollen am Sonntag bereits um 7 Uhr wieder im Bus sein und gen Heimat rollen.
 
Simone Orsucci siegt beim Gran Fondo Nove Colli - ob wir
uns beim Everesting auch so freuen werden?

Fakt 4: Der Preis. Was kostet der ganze Spaß? Die wichtigste Frage für Euch. Wir können diese Frage leider erst wirklich beantworten, nachdem sich alle für das Event verbindlich angemeldet haben. Warum? Wir teilen uns die Kosten. Je mehr mitkommen, desto weniger für alle. Allerdings desto größer auch der Bus. Plant mindestens 280 € ein, das ist der Betrag, den wir aufrufen, wenn 6 von Euch mitkämen. Je weniger wir am Ende werden, desto mehr wird es - mehr als 350 € werden es allerdings sicher auch nicht. Nochmals: Wir machen mit den Event keinen Gewinn oder so, sondern teilen die Kosten auf. 

Dennoch, ich denke, für ein 3,5-tägiges Wochenende, Eure An- und Abreise, super Doppelzimmer mit Frühstück und Wellness-Zugang und ein lecker Büffett mit allerlei leckeren Speisen und Getränken beim Event - eigen organisiert wird das auch nicht billiger. 


Also - schreibt mich gern an, wenn Ihr Lust habt, gemeinsam mit Heiko und mir diesen Hammerberg auf den Spuren Marco Pantanis, Udo Bölts´ und Simone Orsuccis zu erobern - ich würde mich sehr freuen, dieses Abenteuer mit Euch durchzuziehen und Euch Donnerstag-Abend ab Hamburg und entlang unserer Fahrtroute einzusammenln.


Großes Dankeschön an Rudi Altig, an Simone Orsucci und Udo Bölts für die langen, ausführlichen und sehr interessanten Interviews! Danke auch an Jockel Faulhaber - JOCKELs RENNRAD SAMMLUNG und Hennes Roth für die tollen Fotos!









MORTIROLO 15.-17. Mai - JETZT ANMELDEN
MONT VENTOUX 29.-31. Mai
RETTENBACHFERNER 19.-21. Juni
COL DU GALIBIER 7.-9. August
COL DE LA BONETTE 28.-30. August

Bei Fragen, zur Anmeldung oder unverbindlichen Reservierung eines Startplatzes nutze bitte das Kontaktformular hier im Blog.



Kommentare:

  1. Hallo Lars,
    sehr interessantes Interview und ein sehr gelungener Artikel. Gibt es denn schon Neuigkeiten für die anderen Events. Ich bin zwar schon im Verteiler, aber trotzdem sehr neugierig. Der Pass hört sich auf jeden Fall sehr hart an, ich glaube da wäre bei mir nach dem ersten mal Schluss :-)

    Grüße
    Marc

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    1. moin marc,

      danke fürs lob. was die anderen events angeht, so beginnt jetzt die planung für den ventoux. ansonsten geht am MO eine vid-botschaft an alle reservierungen raus, du wirst also auch dabei sein. preislich werden sich die anderen events auch in diesem rahmen bewegen.

      ach, du glaubst, dass du in 12, 14 stunden nur ein mal den mortirolo schaffst? das glaube ich nicht! ich bin mir sicher, dass jeder halbwegs gut trainierte da mindestens 3 mal hochkommt. hast ja den ganzen tag zeit ... und wenn es dir langweilig wird, machste halt den morti hinten runten und den aprica-pass oder gondelst ein stündchen ins 30 km entfernte bormio und fährst umbrail-stelvio ... da hat man viele möglichkeiten. wird sicher ein hammer-wochenende!

      ich freue mich schon ganz doll.

      ride safe,
      L

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  2. Ciao! Ganz toller Artikel! Bin vor zwei Tagen den Mortirolo hich und hatte schon nach 1 Auffahrt den Kaffee auf. Da haben auch die sympathischen Kuhglocken am Gipfel keinen Unterschied mehr machen können ;) Habt ihr es wirklich 7 mal geschafft? Viele Grüße, Martin

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